Montag, 11. August 2014

EXODUS 31



EXODUS 31
Herausgeber : René Moreau, Heinz Wipperfürth und Olaf Kemmler
Hochglanz-Magazin, 112 Seiten, 12,90 €
ISSN 1860-675X
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Exodus ist immer einen Blick hinein wert. Das Kurzgeschichtenmagazin, seit Jahrzehnten Vorreiter der Avantgarde, ist rein vom optischen her ein Genuß. Selbst mir, als künstlerischer Laie, fällt die hohe Qualität der graphischen Präsentation auf. Und auch wenn ich als Banause das nicht richtig würdigen kann (und mir von daher jeden kritischen Kommentar zu den Illustrationen und dem Innenportfolio verkneife), genieße ich doch die Gesamtästhetik.

Aber schöne Bilder sind nur ein Teil des Maganzins, der Hauptteil besteht aus Kurzgeschichten. Und auf diese will ich im folgenden detailliert eingehen.

Dirk Alt : Die geheimsten Begierden
Amber hat plötzlich eine Wunschmaschine im Wohnzimmer stehen. Allerdings ist diese auf einen Alien geeicht …
Eine witzige FSK18-Geschichte. Man sollte eigentlich meinen, daß "Wunschmaschine" auf Fantasy hindeutet, aber die Story wird im letzten Drittel ganz klar SF. Mir ist nicht ganz klar, inwieweit Dirk Alt den weiblichen Standpunkt daarstellen kann, ich fand die Geschichte auf jeden Fall gelungen. Durchaus ein Highlight für 2014, landet mindestens auf meiner erweiterten Nominierungsliste. [Und sei es nur, um die deutschen Puritaner zu schockieren.]

Johannes Tosin : Datenmensch
Und wieder einmal geht es um das Hochladen des menschlichen Bewusstseins in die Cloud, der Plot hat soooo einen Bart. Auch die Depression der virtuellen Personen ist nichts Neues, hat man x-mal gelesen. Trotzdem gelingt es dem Autor, den Leser zu fesseln und die ganz anders geartete Existenzform zusammen mit der Interaktion des Realen Lebens und der digitalen Langeweile interessant darzustellen. Kein großes Highlight deutscher SF, aber immerhin lesenswert.

Wolf Welling : Die Akte PKD
Steuerung der Realität durch eine geheime Gruppe – eine Hommage an Philip K. Dick. Ich empfand es mehr als Leichenfledderei, auch wenn der Plot flott runtergespult wurde.

Michael K. Iwoleit : Das Ende aller Tage
Ein Black Hole ist im Sonnensystem aufgetaucht, die Zerstörung der Erde und des Lebens darauf ist unumgänglich.
Es passiert nicht viel in MKIs Geschichte. Und trotzdem fesselt sie einen ungemein. Dem Autor gelingt es, die Melancholie und Unausweichlichkeit des Endes der Menschheit zusammen mit den Reaktionen auf diese Zukunft festzuhalten. Deutlich stellt er dar, daß es auch in dieser Ausweglosigkeit für niemanden einen Grund gibt, seine Menschlichkeit zu verlieren – und das im Endeffekt der Geist über den Körper triumphiert. Eine sehr lohnende Endzeitgeschichte, unbedingt lesenswert. Und, wie üblich möchte ich fast sagen, auf meiner DSFP-Nominierungsliste.

Christoph von Zastrow : Sabethas Entscheidung
Sabetha und Noltan jagen USAFS – autonome Roboter der U.S. Army, die vom letzten Krieg übriggeblieben sind.
Stilistisch einwandfrei, plottechnisch seit Jahrzehnten überholt. Und so gut die Geschichte auch geschrieben ist, passt sie doch nicht wirklich in die Moderne. Von daher : Daumen runter!

Tobias Tantius : Schneller als die Seele
Menschen können den Weltraum nicht ab und verlieren bei Raumflügen ihre Seele.
Auch dies ist ein vollkommen überholtes Thema aus den 40ern und 50ern, das ich bei anderen Autoren vor Jahrzehnten schon deutlich besser ausgeführt gelesen habe. Das heisst nicht, daß diese Kurzgeschichte schlecht ist, tatsächlich las sie sich sehr flüssig. Aber auch hier, wie bei der vorhergehenden Story, ein seit Jahrzehnten überholtes Thema. Mir scheint, als sollten einige zeitgenössische Autoren sich deutlich mehr Wissen über klassische SF aneignen.

Rolf Krohn : Neumond
Der Mond wird durch einen anderen Himmelskörper ersetzt – der Echsen aufzuscheuchen scheint.
Gut geschrieben, atmosphärisch dicht, aber völlig inhaltsleer.

Hans-Jürgen Kugler : Die perfekte Frau
Sub-Observant Artaban war langweilig und so bekam Karl sein Wunder und traf die perfekte Frau. Wie üblich, wenn auf Arbeitsebene qualifizierte Entscheidungen getroffen werden, mischen sich die Vorgesetzten ein und machen alles wieder kaputt. Und auch hier zwingt die Höchste Legislative Leitung und zwingt Sub-Observant Artaban, das Wunder wieder rückgängig zu machen.
Höchst amüsant! Eine sehr ironische, teilweise extrem zynische Geschichte. die auf mehreren Ebenen wirkt. Einerseits ist sie ein bissiger Kommentar zur modernen Arbeitswelt, andererseits zeigt sie deutlich, daß zwischenmenschliche Beziehungen heutzutage aufgrund der emotionalen Verkrüppelung vieler Menschen gelinde gesagt schwierig sind. Sehr empfehlenswerte Phantastik, ein Highlight dieser Ausgabe.

Christian Endres : Galaktische Maßstäbe
Eine Alien-Babysitterin hat Sex mit den ihr Anempfohlenen – indem sie ihren Tentakel in Ohren steckt.
Sorry, aber diese Geschichte finde ich – auch und gerade im Hinblick auf die Geschichten um Marion Zimmer Bradley – einfach nur dumm.

Fabian Tomaschek : Boatpeople
Flüchtlinge müssen erst den Platz im Raumschiff teuer bezahlen und werden dann auf halber Strecke in den Weltraum geworfen.
Uninnovativ und als SF-Geschichte unnötig, hier wird eine typische Allerweltsstory im SF-Milieu erzählt. Daumen ganz tief runter!

Gynther Riebl : Wie Giovanni verschwand
Giovanni gelingt es, mit seinem Geigenspiel die Harmonien des Universums zu treffen und Raum und Zeit zu überwinden.
Sehr eigenwillige Geschichte, gut geschrieben, auch wenn sich die Qualität erst beim mehrfachen Lesen erschliesst. Mir persönlich hat insbesondere der mathematisch-physikalische Ansatz des harmonischen Universums gefallen. Kein Highlight, aber den Autor muß man im Auge behalten.

Rico Gehrke : Testament einer Außerirdischen
Eine kitschige Liebesgeschichte zwischen einem Menschen und einer Alien. Kitschig, aber gut und innovativ. Weder werden die Aliens als menschenähnlich beschrieben, noch geht es um einfachen Sex noch um eine rein platonische Sache. Der Autor triff genau die Zwischentöne, was einen gelungenen Abschluß der Kurzgeschichten-Sektion dieser Exodus-Ausgabe darstellt.

Franz Rottensteiner : Science Fiction – Zukunftsliteratur? Pure Nostalgie!
Franz Rottensteiner lässt sich über den aktuellenStand der SF aus und kommt da zu einem sehr negativem Ergebnis. Was bei seinem Ansatz nicht wirklich wundert. Und auch hier, im EXODUS-Magazin, habe ich ja schon mehrfach über Rekapitulationen ururalter Topoi genörgelt. Rottensteiner geht allerdings weiter und bemängelt auch die (scheinbare) rückwärtsgerichtete SF der Subgenres "Alternate History" und "Steampunk". Dazu kann ich nur sagen : Es gibt genügend große Romane dieser Subgenres, daß man Rottensteiners Genörgel in die Tonne treten kann. Das gleiche gilt für seine Ansichten über Military SF, die es nicht nur schon immer gab, sondern die auch – ebenso wie jedes andere Subgenre – brilliante und große SF-Geschichten hervorgebracht hat.
Sein Genörgel über die SF-Topoi kann man also getrost vergessen. Nicht aber seine Bemerkungen zur Auflagenentwicklung der SF und zum Verlagswesen. Sie stellen (aus Sicht des eher elitären Suhrkamp-Verlags) einen präzisen Kommentar zu Auswüchsen der SF-Szene in den 80ern und 90ern dar. Sollte man gelesen haben, insbesondere als hier im Blog demnächst die Verlagslandschaft 60er und 70er aus der Sicht der TERRA-Redaktion beschrieben wird.


Insgesamt wieder eine sehr gemischte Ausgabe mit mehreren Stories, die mir nicht so gefallen haben. Allerdings war keine einzige Geschichte wirklich schlecht, einen echten Ausfall habe ich (trotz mehrerer nach unten gerichteter Daumen) nicht gefunden. Von daher kann ich auch die EXODUS-Ausgabe nur weiterempfehlen.

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