Sonntag, 19. Februar 2017

Oliver Henkel : Kaisertag



Oliver Henkel : Kaisertag
Atlantis 2014
Neuausgabe
Originalausgabe BoD 2002
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 366 Seiten, 16,90 €
Titelbild : Timo Kümmel
auch als Paperback und eBook erhältlich


Es ist das Jahr 1988. In Deutschland herrscht Kaiser Wilhelm V., und die Soldaten tragen Pickelhauben. Wer es sich leisten kann, reist mit dem Zeppelin in die Kolonien, während es für alle Übrigen die Platzkonzerte der Militärkapellen gibt. Das ist die Welt des Hamburger Privatdetektivs Friedrich Prieß.

Als ihm Franziska Diebnitz einen Auftrag anbietet, zögert er zunächst. Alles deutet darauf hin, dass ihr Mann sich das Leben genommen hat, aber sie ist davon überzeugt, dass er ermordet wurde. Prieß soll die Wahrheit herausfinden – doch Detektive meiden Leichen, besonders wenn der Verstorbene ein Offizier des allmächtigen Militärgeheimdienstes war.

Schließlich überwindet Prieß seine Bedenken und fährt nach Lübeck, um Nachforschungen anzustellen. Gemeinsam mit seiner früheren Verlobten Alexandra Dühring, jetzt Polizeipräsidentin der Hansestadt, findet er heraus, dass Oberst Diebnitz tatsächlich Opfer eines Mordes wurde. Und diese Entdeckung bringt sie auf die Spur von etwas, wogegen sich ein Mord beinahe harmlos ausnimmt …
Klappentext

"Das Besondere, das viele Romane der Alternate History aus dem phantastischem Durchschnitt hervorhebt, fehlt mir hier bei der "Zeitmaschine Karls des Großen". Von daher durchaus empfehlenswert (meiner Schwiegermutter, die auf Geschichtsschmöker steht, werde ich den noch mal unterjubeln), aber meiner Meinung nach kein unbedingtes Muß. Das bleibt einem anderem Roman von Oliver Henkel vorbehalten..."

...nämlich diesem hier.

Der Jonbar-Punkt von "Kaisertag" ist die mißlungene Ermordung des Erzherzogs Franz-Ferdinand in Sarajewo. Die beiden Weltkriege finden nicht statt, Deutschland ist auch im Jahre 1988 ein Kaiserreich, bestehend aus mehreren unabhängigen Gebieten, "Bundesländer" möchte ich diese eifersüchtig auf ihren individuellen Macken beharrenden Regionen nicht nennen.

Und in diesem Deutschland ist das Militär weiterhin ein starres Gebilde seltsamer Ehrbegriffe, wie sie vor dem Großen Krieg (wie man den Ersten Weltkrieg damals bezeichnete) gang und gäbe waren. Oliver Henkel trifft sehr präzise den Ton der Absurdität, der einem von der Moderne in die Vergangenheit blickendem Menschen unbedingt auffällt. Viel weniger plakativ (jedoch nicht weniger vehement) stellt der Autor die positiven Aspekte eines gemäßigten, Modernisierungen aufgeschlossenen Ehrbegriffs dar, den er in diesem unserem Deutschland offenbar schon vor 15 Jahren vermisste.

In diesem Pickelhauben-plus-Atombomben-Ambiente lässt Oliver Henkel Friedrich Prieß agieren, einen ganz bewusst an Sam Spade angelehnten Bogart-Verschnitt. Anhand aber gerade der Unterschiede des deutschen Privatdetektivs zum amerikanischen Private Eye schildert Oliver Henkel in gelungener Art und Weise die im Vergleich zur Realität primitive Gesellschaft des Kaisertagschen Norddeutschlands. Die beiden Weltkriege und die (damals tatsächlich) revolutionäre Studentenbewegung haben – so sah es zumindestens 2002 aus – ein wesentlich moderneres, freieres Deutschland geschaffen als es in "Kaisertag" beschrieben wird.

Wenngleich der Autor mehrmals die im Kaiserreich indiskutable Stellung der Frau aufs Korn nimmt, wird doch die Primitivität der Gesellschaft in "Kaisertag" noch besser durch die Stellung des Mannes illustriert. Die Zwänge, expliziten und impliziten Ge- und Verbote, unter denen im Kaiserreich überall und zu jeder Zeit gehandelt werden "muß", lassen praktisch eine nicht-traumatisierte Existenz überhaupt nicht zu. Sehr gelungen schildert Oliver Henkel hier eine unfreie Gesellschaft, die durch eben diese Unfreiheit auch kulturell und gesellschaftlich hinter der bundesdeutschen Realität von 2002 zurückgeblieben ist. Das Name Dropping, das der Autor hier mit Genuß zelebriert, unterstreicht dies nur : Loriot ist ein 08/15-Soldat, Willy Brandt ein ebensolcher 08/15-Lokalpolitiker. Und dies sind nur zwei Beispiele aus einer längeren Liste. Viel Spaß beim Selberentdecken. :-)

Insgesamt ein lesenswertes Werk auf dem qualitativen Niveau von "Der 21. Juli". Beides Alternate Histories, beides politische Bücher, die man unbedingt gelesen haben sollte.

Samstag, 18. Februar 2017

Oliver Henkel : Die Zeitmaschine Karls des Großen



Oliver Henkel : Die Zeitmaschine Karls des Großen
Atlantis 2013
Neuausgabe
Originalausgabe BoD 2001
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 464 Seiten, 19,90 €
Titelbild : Timo Kümmel
auch als Paperback und eBook erhältlich


Das Weströmische Reich hat schwere Zeiten überstehen müssen. Nur knapp konnte das angeschlagene Imperium im Jahre 476 der endgültigen Vernichtung entrinnen. Doch Rufus Scorpio rettete es vor der zerstörerischen Gier des Heerführers Odoaker, erlangte selber den Kaiserpurpur und übernahm die schwere Aufgabe, Westrom durch die Stürme einer aus den Fugen geratenen Welt zu lenken.

Über dreihundert Jahre sind seitdem vergangen. Unter dem Kaiserhaus der Scorpii fand das Imperium wieder zu Stabilität und innerem Frieden, und dank der Hilfe des Oströmischen Reiches konnte ein Großteil der verlorenen Provinzen zurückgewonnen werden. Jetzt, im Jahre 796, sieht es ganz so aus, als würde Westrom für alle Zeiten Bestand haben. Doch die dem Anschein nach sorgenfreie Ruhe könnte trügerisch sein. Karl, der König der Franken, verhält sich seit geraumer Zeit sehr beunruhigend, und niemand kennt den Grund dafür. Sollte das Frankenreich zu einer Gefahr für Rom werden?

Um das in Erfahrung zu bringen, wird der Ostgote Andreas Sigurdius als Spion in das Reich im Norden geschickt ...
Klappentext

Manchmal erwischt mich ein Roman auf dem falschen Fuß. Dann lese ich mich fest, komme nicht weiter, habe keinen Spaß an der Lektüre. Obwohl ich weiss (oder zu wissen glaube), daß die Geschichte gut ist. Dann hilft nur eins, Buch beiseite packen und bei Gelegenheit, wenn mir danach ist, wieder hervorholen.

Genau das habe ich auch mit den Henkel-Neuausgaben bei Atlantis gemacht. Keine Ahnung, was mich bei der ersten Lektüre an der "Zeitmaschine" gestört hat, diesmal habe ich sie auf einen Rutsch durchgelesen. (Genau genommen : Mir ist schon aufgefallen, was mich irritierte, allerdings erst bei der Lektüre von "Kaisertag".)

Oliver Henkel ist ein SF-prominenter Alternate History-Autor, sein "Leviathan", in dem Carolina auch zu Beginn der Industrialisierung noch zum deutschen Staatsgebiet gehört, wurde für den DSFP nominiert, "Zeitmaschine" und "Kaisertag" haben ihn auch gewonnen.

Der Roman ist ganz witzig, der scheinbare Jonbar-Punkt wird direkt in der Einführung dem Leser vorgestellt. Dann geht es Jahrhunderte in die Zukunft, in der Karl der Große einem immer noch existierenden und prosperierendem Römischen Imperium gegenübersteht. Der Rest ist eine ziemliche Räuberpistole, in dem Römer, Franken, Zeitreisende aus einer jetzt nicht mehr möglichen Zukunft und der Vesuv wichtige Rollen spielen.

Ich empfand den Roman zwar als nett und gut geschrieben, aber im Bereich der Alternate History und auch im Genre der reinen Geschichtsromane ohne phantastischen Anteil habe ich da schon Besseres gelesen, diverses hier im Blog auch bereits kommentiert. Das Besondere, das viele Romane der Alternate History aus dem phantastischem Durchschnitt hervorhebt, fehlt mir hier. Von daher durchaus empfehlenswert (meiner Schwiegermutter, die auf Geschichtsschmöker steht, werde ich den noch mal unterjubeln), aber meiner Meinung nach kein unbedingtes Muß. Das bleibt einem anderem Roman von Oliver Henkel vorbehalten...

Freitag, 17. Februar 2017

Stefan Burban : Die Spitze des Speers



Stefan Burban : Die Spitze des Speers
Ruul-Konflikt 10
Atlantis 2016
Originalausgabe
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 340 Seiten, 14,90 €
Titelbild : Allan J. Stark
auch als Paperback und eBook erhältlich



Die Schlacht um Serena ist beendet. Beide Seiten haben große Verluste erlitten und sind noch dabei, ihre Wunden zu lecken, als das Terranische Konglomerat in seinen Grundfesten erschüttert wird.

An der Besatzung eines Horchpostens nahe der RIZ wird ein Massaker verübt. Doch offenbar sind nicht die Ruul die Drahtzieher hinter dem Angriff. Alles deutet auf eine Verwicklung der ROCKETS in das Blutbad.

Plötzlich stehen alle Mitglieder der Spezialeinheit unter Generalverdacht. War es lediglich die Tat weniger Abtrünniger? Oder steckt eine großangelegte Verschwörung dahinter?

Fragen, die geklärt werden müssen, bevor man eine Fortführung des Krieges gegen die Ruul ins Auge fassen kann. Rachel Kepshaw von der Abteilung für Innere Sicherheit des MAD nimmt sich der Aufgabe an, die Schuldigen ausfindig zu machen. Doch ihr läuft die Zeit davon. Die Hintermänner des Angriffs verfolgen nämlich ehrgeizige Pläne – und der Countdown für ihren nächsten Schlag ist bereits angelaufen …
Klappentext

Ein sehr schöner Roman, stark geschrieben, mit einem wie ich finde hochaktuellem Thema.

Dabei ist "Die Spitze des Speers" fast ein Standardplot : Militärs versuchen zu putschen, von unseren Helden wird dies verhindert. Stefan Burban lässt den Leser hier auf alte Bekannte aus früheren Romanen treffen, meinem Eindruck nach konsolidiert er die Geschichten. Das hat natürlich den Effekt, daß sich der Altleser, der die früheren Romane des Ruul-Zyklus kennt, von Anfang an in der Geschichte wohl fühlt.

Interessant ist hier die Motivation der Putschisten. Es geht ihnen weniger um Macht und persönliche Vorteile, sie halten nur die Vorgehensweise der aktuellen terranischen Regierung für falsch. Die militärischen Oberbefehlshaber der Putschisten aber auch untere Dienstgrade sind überzeugt, den richtigen Weg zu gehen – auch über Leichen, wenn es sein muß. Das ist eine Denkungsart, die sich in der aktuellen deutschen, europäischen als auch amerikanischen Politik als Ultima Ratio linker Gruppierungen herauskristallisiert hat. So neu ist diese Ideologie zwar nicht, man denke nur an das stalinistische Rußland oder die DDR, doch seit einigen Jahren hat diese Denke auch im Westen deutlich Fuß gefasst. Stefan Burban zeigt in "Die Spitze des Speers" deutlich und klar auf, wie falsch und zerstörerisch diese Sichtweise ist. Denn selbst wenn die Putschisten die Macht ergriffen hätten, wären die Opfer im Militär als auch in der Zivilbevölkerung doch derart hoch gewesen, daß der Zweck effektiv konterkariert worden wäre.

Wie gesagt, ein schönes Buch mit einem modernem Bezug. Für mich einer der besten Romane im letzten Jahr, deshalb werde ich ihn aller Voraussicht nach für den DSFP nominieren.


Wasserstand

Ja, ok, ich habe den Blog hier etwas vernachlässigt. Nicht, daß ich nicht gelesen hätte, im Gegenteil. Aber ich kam irgendwie nicht zum Posten und wurde durch meine Briefmarkensammlung doch etwas sehr stark abgelenkt. Aber Alt-Estland ist jetzt durch, für die Moderne muß ich noch ein bißchen was vorbereiten und außerdem sitzen mir meine Kollegen vom DSFP im Nacken. Nächstes Wochenende ist Nominierung, da muß ich noch ein bißchen was lesen und mir - viel wichtiger - auch eine Meinung bilden, was ich denn nun für eine Nominierung vorschlagen werden. Nicht einfach, gab 'ne Menge herausragender SF-Romane letztes Jahr. Aber witzigerweise habe ich schon den ersten für meine Nominierung im nächsten Jahr auf dem Zettel, ein Roman in der Tradition der LeGuin von AHK. (Mehr demnächst. :-) )

Womit fange ich an ? Am besten damit, womit ich auch vor ein paar Tagen aufgehört habe, mit Stefan Burbans Ruul-Romanen. Und dann diverse alte, diverse neue, diverse ganz andere Romane.

Freitag, 27. Januar 2017

Stefan Burban : Sturm auf Serena



Stefan Burban : Sturm auf Serena
Ruul 09
Originalausgabe
Atlantis 2015
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 360 Seiten, 14,90 €
Titelbild : Allan J. Stark
auch als Paperback und eBook erhältlich


Das strategisch wichtige Serena-System wird seit Monaten hart umkämpft. Tagtäglich sterben Tausende von Soldaten nur für einige wenige Kilometer Geländegewinne. Eine Großoffensive, an der alle Völker der Koalition beteiligt sind, soll endlich die dringend benötigte Wende auf diesem Kriegsschauplatz bringen. Ein Sieg auf Serena ist unumgänglich, falls die Menschen und ihre Verbündeten den Krieg noch gewinnen wollen. Doch verschiedene Parteien auf Serena nutzen die Kriegswirren, um ihre eigenen Pläne voranzutreiben. Und an vorderster Front in diesem Kampf steht das 171. Infanterieregiment - die Wölfe Alacantors...
Klappentext

Wie gesagt, ich muß mal mit den Ruul aufholen. Diese Romane sind - das kann man hier beim neunten Band wohlfundiert behaupten - gute deutsche Military SF. Im Gegensatz zu anderen Auswüchsen in diesem Genre bleibt Stefan Burban in seinen Schilderungen auf der freiheitlichen Seite des Subgenres und somit in der Tradition von Karl-Herbert Scheer, Stichwort "wehrhafte Demokratie".

Das zeigt sich auch hier im Roman, bei den Bodenkämpfen auf Serena. Die menschlichen Soldaten sind nicht gesichtslos, der Feind ein Gegner, kein Unter"mensch". Die Soldaten keine simplen Befehlsempfänger, die Offiziere zwar ergebnisorientiert, aber um ihre Leute bemüht. Diese Sichtweise zieht sich durch den gesamten Ruul-Zyklus, ohne daß dadurch die eigentliche Action verwässert wird. Das allein macht das Lesen der Romane schon angenehm.

Wobei der Autor immer stärker das Meme "homo homini lupus" in den Vordergrund stellt. Bereits früher beschrieb er menschliche Terroristen, die sich am Ruul-Krieg eine goldene Nase verdienen wollen und ihr eigenes Süppchen kochten. Hier stellt er die Karriere-Offiziere der Flotte in den Vordergrund, von denen einige nur durch Beziehungen überhaupt ihren Rang erhalten haben. Deren Aktionen werden vielleicht etwas sehr plakativ und vorhersehbar geschildert, sind aber in sich konsistent und (dies ist ein Vorgriff auf den nächsten Band) durchaus folgerichtig. Aber auf jeden Fall spannend geschildert, hat Spaß gemacht, die Entwicklung zu lesen.

Sehr angenehm fand ich auch, daß die Protagonisten der vorherigen Bände (ab ?) hier wieder aufgegriffen werden und mehr oder weniger wichtige Rollen spielen. Das rundet den Zyklus angenehm ab. Insgesamt also wieder einmal ein angenehm lesbarer Roman aus dem Ruul-Universum, an dem man insbesondere als KHS/ZBV-Fan nicht vorbeigehen sollte.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Jo Koren : Vektor



Jo Koren : Vektor
Atlantis 2016
Originalausgabe
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 190 Seiten, 14,90 €
Titelbild : Mark Freiera
auch als Paperback und eBook erhältlich


Alpha Novak ist Ärztin für invasive Kybernetik. Nachdem sie ihre Zulassung auf der Erde verloren hat, flickt sie nun, auf der Raumstation Eris TKS, Prothesen und Implantate von Arbeitern aus dem Asteroidenbergbau zusammen. Zur Seite steht ihr der Bonobo Kit, der dank seines Hirnimplantats mit Menschen kommunizieren kann.

Eines Tages begegnet ihr ein Patient mit einer eigentümlichen Fehlfunktion von Herzschrittmacher und Gehirnimplantat. Der Grund dafür: das erste Computervirus, das menschliche Implantate befällt. Dr. Novak versucht zunächst vergeblich, den Leiter der Raumstationsklinik von der Existenz des Virus zu überzeugen. Erst als ein Pfleger der Klinik infiziert wird, sieht der leitende Arzt Handlungsbedarf und fährt das Computersystem der Klinik herunter.

Etwa zur gleichen Zeit gibt es einen plötzlichen Anstieg der künstlichen Schwerkraft der Raumstation. Wenig später wird der Chefingenieur tot aufgefunden. Novak findet in der Zwischenzeit heraus, dass außer dem Ursprungspatienten weitere Personen ein Risiko tragen, durch das mittlerweile deaktivierte Computersystem infiziert worden zu sein: unter anderem sie selbst …
Klappentext

Überraschend gut. Ich meine "sehr gut", tatsächlich nur einen Bruchteil vor meiner Nominierungsgrenze für den DSFP. Jo Koren schildert interessant eine dystopische Welt, indem sie von den jetzigen Gegebenheiten ausgeht und diese nur einen Bruchteil in die Zukunft extrapoliert. Es ist noch (fast) alles so wie heute, die Konzerne und leicht absurde Justizbehörden haben das Sagen und der normale Arbeiter wird verarscht und ausgebeutet. Dies schildert die Autorin ohne Jammern, als Realität, der man nicht entkommen kann.

Auch das Auftreten des Virus stellt Jo Koren unprätentiös dar, die Reaktionen der Menschen und Bürokraten darauf sind realistisch und elegant beschrieben. Dabei schildert sie in Rückblenden das Leben auf der Erde und die dort existierende Gesellschaft. In detaillierten, aber nicht übertriebenen Beschreibungen stellt sie sozusagen en passant das Leben im All und auf der Raumstation dar. Insgesamt sehr schön und unbedingt empfehlenswert, allerdings ist das Ende etwas blaß. Mir fehlte da der Knalleffekt, die Epiphanie, der Ausblick auf das weitere Leben von Alpha Novak. Das ist der einzige Wermutstropfen am Roman, der ansonsten wirklich gelungen ist.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Peter Hohmann : Die schwarze Klaue



Peter Hohmann : Die schwarze Klaue
Die Eherne Garde 01
Atlantis 2016
Originalausgabe
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 290 Seiten, 14,90 €
Titelbild : Mark Freier
auch als Paperback und eBook erhältlich


Dämonen breiten sich aus in den Landen der Menschen, einer Seuche gleich, die alles verschlingt. Avi, die Hüterin, gesegnet mit der Gabe, diese aufzuspüren, wird unversehens von der Jägerin zur Gejagten. Auf ihrer Flucht trifft sie auf Lormak, den Gezeichneten, der Mensch und Dämon in sich vereint. Zusammen mit ihren Gefährten machen sie sich auf, der Bedrohung Einhalt zu gebieten. Doch nicht nur von außen droht Gefahr, denn je länger Lormak in Avis Nähe weilt, desto stärker regt sich der Dämon in ihm...
Klappentext

Wie man am Klappentext schon deutlich merkt : Die Fantasy neu erfunden hat Peter Hohmann nicht. Die Figuren sind doch sehr klassischer Fantasy-Standard, auch das Szenario ist nicht wirklich innovativ. In solchen Fällen hängt die Qualität eines Romans einzig und alleine am Erzähltalent des Autors, nur damit kann er einen derartigen Fantasy-Standard noch interessant machen.

Und das gelingt Peter Hohmann unproblematisch. Die Figuren - wenngleich archetypische Fantasy-Protagonisten - werden von ihm einfühlsam geschildert, sie haben eine gewisse Tiefe und sprechen den Leser an. Die Geschichte wird ohne Längen erzählt, der Plot ist recht intelligent dargestellt. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt gelangweilt, was bei meinem Fantasy-Background an bereits gelesenen Romanen doch schon einiges heißen will. Das liegt sicher auch daran, daß der Autor die einzelnen Szenen sehr modern beschreibt, ohne die Klassik aus den Augen zu verlieren.

Insgesamt ein gelungener Auftakt einer archetypischen Fantasy-Trilogie, die ich nur weiterempfehlen kann.

Dienstag, 24. Januar 2017

James Corey : Nemesis-Spiele



James Corey : Nemesis-Spiele (Nemesis Games)
The Expanse 05
HEYNE 2016
Deutsche Erstausgabe
Originalausgabe Orbit 2015
Paperback, 608 Seiten, 14,99 €
Titelbild : Daniel Dociu
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski


Die Zukunft: Die Menschheit hat das Sonnensystem besiedelt. Nachdem sich durch Alien-Technologie ein interstellares Portal geöffnet hat, stehen die Machtverhältnisse jedoch Kopf: Die Raummarine vom Mars verliert an Bedeutung, die Bewohner des Asteroidengürtels lehnen sich gegen die Konzerne und Regierungen der inneren Planeten auf – und dann verwandelt eine Serie von verheerenden Terroranschlägen die Erde in ein rauchendes Trümmerfeld.

Das Portal hat den Weg zu Tausenden von unbewohnten Welten geöffnet. Ein wahrer Massenexodus beginnt, und ein Kolonistenschiff nach dem anderen bricht auf, um diese Planeten zu besiedeln. Damit verlieren die bisherigen Machtpole im Sonnensystem stark an Einfluss – die Erde ist nicht länger der einzige Planet mit bewohnbarer Oberfläche, die Marsbewohner fliehen in Scharen, während dessen Raummarine sich mehr oder weniger in Auflösung befindet, und die Bergarbeiter und Siedler im äußeren Asteroidengürtel befürchten nun, die Grundlage ihrer Existenz zu verlieren: den Abbau wichtiger Rohstoffe für die Konzerne des Sonnensystems.

Schon sind die ersten Transporte von den neuen Welten unterwegs zurück zur Erde, randvoll mit Gütern, die in der Schwerkraftumgebung der Planeten besser und billiger abgebaut werden können. Kaum ist die Rosinante mit Kapitän James Holden und seiner Crew zurück von Ilus, der ersten neubesiedelten Welt, werden sie auch schon mitten in den Konflikt hineingeworfen.

Doch dann wird die Erde das Opfer des grausigsten Terroranschlags in der Geschichte der Menschheit. Millionen Menschen sterben, und nichts im Sonnensystem wird jemals wieder so sein, wie es war. Was Holden jedoch nicht ahnt: ein Mitglied seiner Crew hat eine ganz besondere, persönliche Verbindung zu den Urhebern der Katastrophe, und diese Verbindung erweist sich als tödliche Falle ...
Klappentext

Ein Jahr nach dem Angriff auf Callisto, fast drei Jahre nach dem Aufbruch mit seiner Crew nach Ilus und etwa sechs Tage nach ihrer Rückkehr schwebte James Holden neben seinem Schiff und sah dem Abbruchteam dabei zu, wie es die Rosinante zerlegte. Acht straff gespannte Kabel verankerten das Schiff an den Wänden des Liegeplatzes. Es war nur einer unter vielen im Reparaturdock der Tycho-Station, und diese Abteilung war nur eine unter vielen in derriesigen Konstruktionsanlage. In der kilometergroßen Kugel waren gleichzeitig noch tausend andere Projekte im Gange, aber Holden hatte nur Augen für sein Schiff.
Leseprobe

And so it begins...

Und weil die "Rosinante" eben schwer repariert werden muß, trennen sich die Besatzungsmitglieder und machen eine Art Urlaub - irgendwie. Der harmloseste ist dabei Kamal, der erstens merkt, daß es kein Zurück in seine vergangenen Beziehungen gibt und zweitens Bobby Draper als neues Mannschaftsmitglied anheuert. Der Zweitharmloseste ist Amos, der auf der Erde nach einer alten Freundin sieht, einen alten Kumpel wiedertrifft (hey, diejenigen, die das Buch schon gelesen haben, halten sich jetzt zurück) und Peaches als neues Mannschaftsmitglied aufreisst. Ääääh, Peaches !!! Also Clarissa "Claire" Melpomene Mao, die vor Kurzem die "Rosinante" inklusive Besatzung in ihre subatomaren Bestandteile zerlegen wollte. Und, wie gesagt, das beides sind die harmlosesten Handlungsstränge.

Denn dieser Roman ist ganz große Science Fiction, einer der besten der letzten Jahrzehnte. Die Autoren, Daniel Abraham and Ty Franck - alias James S. A. Corey - schreiben sich hier von einem Höhepunkt zum nächsten. Dabei geht es zwar auch, aber nicht nur um Action. Denn diese ist notwendig, aber nicht der eigentliche Grund für meine Faszination. Denn eigentlich geht es um die Ewiggestrigen, die neue Chancen nicht sehen und - notfalls auch mit Gewalt - ihren Status quo beibehalten wollen. Dies stellen die Autoren sehr gelungen anhand der Terroristen dar. Diese sind nicht nur Ewiggestrige, sondern auch geistig unzurechnungsfähig. Man kann ohne zu übertreiben sagen, daß diese Leute in einem anderen Universum als der Rest der Menschheit leben und denken. Das wird deutlich an der Interaktion von Naomi, die durch einen fingierten Hilferuf von Holden und der "Rosinante" weggelockt wird. Ihre Entführer sind ihr Sohn Filip und ihr Ex-Lover Marco, die sie bei sich haben wollten, damit Naomi den terroristischen Attacken dieser beiden Spinner Beifall spenden kann. Die Dialoge, die sich hier ergeben, zeigen deutlich und klar die Irrationalität solcher terroristischer Aktionen auf. Der Standpunkt, der hier ebenso klar und deutlich von den beiden Autoren bezogen wird, gefällt mir.

Aber auch das ist nicht der Punkt, der mir am Besten an diesem Band der Expanse-Serie gefallen hat. Am meisten begeistert hat mich die Darstellung des gereiften James Holden. Er muß einige Überraschungen wegstecken, einige "Kröten schlucken" und wird dabei mehr und mehr zu einem echten Helden. Im Roman machen die Autoren deutlich, wo die Grenze für jemanden wie James Holden sein muß, bevor er sich selbst verliert. Und so wird die Figur des James Holden mehr und mehr zum legitimen Nachfolger des Duke. Ja, James Holden ist John Wayne, in all seiner Ehrlichkeit, seiner Hingabe an das Gute, seinem Kampf für die Gerechtigkeit. James Holden repräsentiert die uramerikanischen Werte : Ethische, rechtliche, religiöse, politische, zivilisatorische und patriotische. Und dies im positivsten Sinn des 21. Jahrhunderts, nicht mit der Selbstjustiz-Attitüde des klassischen Westerns, sondern eher mit der modernen Stärkung der bürgerlichen Gesellschaft und dem Unterstützen legitimer gesellschaftlicher Strukturen. So werden die Terroristen eben nicht einfach so vom Himmel geblasen, sondern James Holden unterstützt den politischen Prozeß zwischen den Gürtlern, Mars und der Erde, indem er Fred Johnson zum politischen Gipfeltreffen befördert.

Das ist natürlich stark vereinfacht und meine ganz persönliche subjektive Sicht der Dinge. Viele Leute dürften (und werden) mir da widersprechen, auf Details hinweisen - und das große Ganze aus den Augen verlieren. Aber egal, es war mir ein Bedürfnis, diese meine Sicht der Dinge einmal explizit darzustellen. Für mich war dieser Roman der bisherige Höhepunkt der Expanse-Reihe und ich bin schon gespannt auf die Verfilmung. Um so mehr, als man am Anfang irritiert und dann auf eine falsche Fährte gelockt wird. Denn das dicke Ende kommt zum Schluß, als eigentlich alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Von daher : LESEN !

Montag, 23. Januar 2017

James Corey : Cibola brennt



James Corey : Cibola brennt (Cibola Burn)
The Expanse 04
HEYNE 2015
Deutsche Erstausgabe
Originalausgabe Orbit 2014
Paperback, 656 Seiten, 14,99 €
Titelbild : ???
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski


Die Zukunft: Ein interstellares Portal hat sich geöffnet. Angespornt von den ungeahnten Möglichkeiten, die sich damit bieten, bricht die Menschheit zu den Sternen auf und besiedelt fremde Welten. Welten mit fremdartiger Flora und Fauna, die es zu entdecken gilt – und deren Ressourcen auf jene warten, die schnell genug dort sind. Oder skrupellos genug.

Ein wahrer Exodus zu den Tausenden von unentdeckten Planeten beginnt, und eine Siedlerwelle nach der anderen verlässt unser Sonnensystem. Ilus ist der erste neue Planet, der mit Blut und Feuer erkämpft wird, denn mit dem Treck zu den Sternen ziehen auch Megakonzerne wie Royal Charter Energy mit, die sich die Schätze der neuen Welten unter den Nagel reißen wollen. Die unabhängigen Siedler auf Ilus sind eigentlich chancenlos gegen die Feuerkraft und Skrupellosigkeit des konzerneigenen Kolonieschiffs. Aber die Siedler sind nicht bereit, ihre Welt kampflos aufzugeben, und so bildet sich eine geheime Widerstandsgruppe. Der Plan lautet: die Landeplattform des Konzern-Shuttles in die Luft sprengen. Ein Plan, der entsetzlich schief geht, als die Explosion auch das Shuttle trifft und Menschen sterben. Ein blutiger Kampf um den Planeten scheint unvermeidlich, und so werden Kapitän James Holden und seine Crew entsandt, um zu vermitteln und das Schlimmste zu verhindern.

Aber schon bald beschleicht Holden der Verdacht, dass seine Mission von Anfang an zum Scheitern bestimmt war. Je länger er auf Ilus aushält, umso deutlicher wird ihm und den Wissenschaftlern, dass diese Welt längst nicht so unbewohnt war, wie es den Anschein hatte. Und während der Konflikt zwischen Siedlern und Konzernsicherheitskräften eskaliert, erwachen uralte Artefakte einer vergangenen Zivilisation auf Ilus zum Leben. Einer Zivilisation, ausgelöscht von einem unvorstellbar mächtigen Gegner – der ebenfalls wieder erwacht ...
Klappentext

Es geht nicht mehr spoilerfrei, wer sich also die Spannung erhalten möchte, sollte diesen Kommentar hier NICHT lesen.

Zwei Jahre nach den Ereignissen von Abaddons Tor. Das Portal funktioniert und die Menschheit ist begierig darauf, sich im unbekannten Universum auszubreiten. Oftmals ungeregelt, ohne die Genehmigung einer Behörde. So etwa die Überlebenden der Schlacht auf Ganymed. Sie huschen durch das Portal und siedeln auf Ilus. Oder New Terra, wie der Planet im Bürokratenjargon der Erde genannt wird. Und diese Bürokraten haben den Planeten an einen Konzern verkauft, der Konflikt ist sozusagen vorprogrammiert.

Nach drei Bänden, die sich mit der Problematik der Alien-Sporen beschäftigten, gehen die Autoren jetzt detaillierter auf die menschliche Gesellschaft ein. Tatsächlich ist "Cibola brennt" eine deutliche Streitschrift gegen den Rassismus, der zwischen Terranern, Marsianern und Gürtlern als Sinnbilder der heutigen Gesellschaft gepflegt wird. Dabei wird keine Seite wirklich positiv geschildert. Die Gürtler mit ihrem Dünkel gegenüber Bewohnern der Schwerkraftsenken werden ebenso kritisch betrachtet wie die technologische Arroganz der Erdbewohner. Die Autoren zeigen das an beispielhaft an Romanfiguren und lassen die Ereignisse für sich sprechen, tatsächlich wird dieser Rassismus an keiner Stelle des Romans explizit angesprochen. Die sagenhafte goldene Stadt Cibola, auf der alle nach der Suche sind, brennt eben.

Sehr schön fand ich auch, daß in diesem Band frühere Figuren wieder aufgenommen werden. Beispielsweise Basia Merton, einer der Väter, dessen Sohn Katoa zu Beginn von Calibans Krieg entführt wurde - und der sich damals nicht auf die Suche nach ihm gemacht hat. Oder Dimitri Havelock, der Partner von Miller in Leviathan erwacht. Das gab mir das Gefühl, in einem heimischen Universum zu sein, man erinnerte sich sofort an die Ereignisse früherer Bände.

Ganz besonders gilt das natürlich für die Crew der "Rosinante", die hier als Mediatoren eingesetzt werden und den Konflikt zwischen den Siedlern und dem Konzern beilegen sollen. Was von beiden Seiten kräftig hintertrieben wird. Aber besonders bemerkenswert an dieser Crew ist ihre Weiterentwicklung als Personen. James Holden ist deutlich weniger blauäugig, Amos Burton deutlich sozialisierter. Im nächsten Band wird dies dann noch viel signifikanter dargestellt, aber auch hier sind schon deutliche Ansätze zu erkennen. Wie man auch insgesamt "Cibola Burn" als Petri-Schale für "Nemesis Games" betrachten kann.

Dies gilt auch und insbesondere für die Aliens und ihre Technologie, die in beiden Bänden sehr starke Rollen spielen. Hier wird durch die Kämpfe eine uralte KI wieder aktiviert, die nur mit Millers Hilfe wieder beruhigt werden kann. Und man erfährt, daß die Aliens, die diese Technologie hinterlassen haben, von einer wesentlich stärkeren Bedrohung entweder ausgelöscht wurden oder geflüchtet sind. Das lässt für die nächsten Bände Interessantes erwarten - und ich kann schon vorwegnehmen, daß man nicht enttäuscht wird... Irgendwie jedenfalls. :-)

Insgesamt gesehen steigert sich die Serie noch weiter. Neben einer einfachen Action-Geschichte bringen die Autoren immer mehr Social Fiction einer auf der heutigen Zeit beruhenden möglichen Zukunft ein. Das hebt die Romane aus der einfachen Space Opera heraus und lässt sie zu zeitgenössischen Romanen werden, um die man eigentlich nicht herumkommt. Das aber wird im nächsten Band noch deutlicher.

Donnerstag, 12. Januar 2017

James Corey : Abaddons Tor



James Corey : Abaddons Tor (Abaddon's Gate)
The Expanse 03
HEYNE 2014
Deutsche Erstausgabe
Originalausgabe Orbit 2013
Paperback, 624 Seiten, 14,99 €
Titelbild : ???
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski


Die Zukunft: Die Menschheit ist ins Weltall aufgebrochen und hat auf den Planeten Kolonien errichtet. Über Generationen hinweg wurde auf den über das ganze Sonnensystem verteilten Raumstationen ein friedliches Leben geführt – bis jetzt. Aber ist die Menschheit bereit für das, was draußen im All auf sie wartet?

Ein offenbar außerirdisches Protomolekül hat die Bevölkerung der Venus in Windeseile ausgelöscht und entwickelt sich nun rasant fort, mit katastrophalen Folgen. Uranus wird als Nächstes angegriffen, und dort entdecken die Menschen schließlich ein unheimliches Portal. Ein Portal, welches in eine sternenlose Dunkelheit führt. Um diesem unbekannten Objekt auf die Spur zu kommen, wird ein gerade am anderen Ende des Sonnensystems befindliches Raumschiff zur Hilfe gerufen. Captain Jim Holden und seine Crew werden mit dem Auftrag betraut, das fremdartige Artefakt zu untersuchen. Doch was sie nicht wissen: Hinter ihrem Rücken ist eine Verschwörung im Gange, mit dem Ziel, Holden mundtot zu machen und endgültig zu vernichten.

Während die Abgesandten der Erde versuchen herauszufinden, ob das Portal der Menschheit neue Möglichkeiten bietet oder ob die Gefahren überwiegen, bahnt sich das größte Verhängnis mitten unter ihnen bereits seinen Lauf ...
Klappentext

Fünfzehn Sekunden. Er würde es schaffen. Nun begann er mit der Sendung und schaltete die Außenkamera zu. Irgendwo da draußen war der Ring. Der tausend Kilometer große Kreis war noch zu klein und dunkel, um für das bloße Auge sichtbar zu sein.

»Nicht schießen!«, rief er der marsianischen Fregatte zu. »Nicht schießen!«

Noch drei Sekunden.

Die Torpedos schlossen rasch auf.

Dann verschwanden alle Sterne.

Néo tippte auf den Monitor. Nichts. Das Freund-Feind-Signal zeigte nichts an. Keine Fregatte, keine Torpedos. Absolut nichts. »Das ist aber komisch«, sagte er zu niemand im Besonderen. Auf dem Monitor war ein blaues Glühen zu sehen. Er beugte sich vor, als könnte er es verstehen, wenn er dem Bildschirm ein paar Zentimeter näher war. Die Sensoren, die vor hoher G-Belastung warnten, brauchten eine Fünfhundertstelsekunde, um anzusprechen. Der fest verdrahtete Alarm brauchte noch einmal eine Dreihundertstelsekunde, um anzuschlagen und die rote LED und das Notsignal mit Strom zu versorgen. Die kleine Meldung auf der Konsole, die vor einer Bremskraft von neunundneunzig G warnte, brauchte eine unglaublich lange halbe Sekunde, um die Leuchtdiode zu aktivieren. Zu diesem Zeitpunkt war Néo bereits ein roter Schmierfilm im Cockpit. Der Bremsschub des Schiffs hatte ihn schneller, als eine Synapse für die Aktivierung brauchte, durch den Bildschirm an die gegenüberliegende Wand geschleudert. Fünf endlose Sekunden lang knarrte und stöhnte das Schiff, das nicht anhielt, sondern angehalten wurde. In der endlosen Dunkelheit sandte die externe Hochgeschwindigkeitskamera tausend Bilder pro Sekunde aus und zeigte nichts.

Dann tauchte etwas auf.
Leseprobe

SPOILERWARNUNG !

Ist ja eigentlich unnötig, aber trotzdem möchte ich hier ein bißchen vor den unvermeidlichen Spoilern warnen. Ich habe mich ja bemüht, die ersten beiden Bände so spoilerfrei wie möglich zu kommentieren, aber hier geht das nun wirklich nicht mehr.

Denn erstens haben die Alien-Sporen ein Gate gebaut. Hier bekommt der Serien-Name "The Expanse" plötzlich eine galaktische Bedeutung. Cool. Weniger cool ist allerdings, daß sich hinter dem Gate noch so eine Alien-Automatik befindet, die alles auf Null abbremst. Siehe oben. Nicht so cool.

UND MILLER IST ZURÜCK. Zwar kann er nur von James Holden gesehen werden, aber er ist wieder da. Wobei man sich fragt, ob es wirklich Miller ist. Denn eigentlich ist er ja von den Sporen assimiliert und auf die Venus gebracht worden. Obercool. Insbesondere als der unbefangene Leser diesbezüglich keinerlei Hinweise bekommt, was jetzt eigentlich wirklich Sache ist.

Die Crew der "Rosinante" wächst immer stärker zusammen, die vier Crewmitglieder werden immer differenzierter dargestellt. Natürlich kommen auch viele neue Handlungsträger hinzu, aber der Fokus bleibt doch mehr und mehr auf diesen Vieren. Hat was, kann man nicht anders sagen. Wobei - um hier zukünftige Bücher vorwegzunehmen - nicht jeder der neu eingeführten Protagonisten bleibt nur für diesen Band relevant. Ich sage nur "Peaches"! :-)

Sehr schön ist auch, daß mit diesem Buch eine Zäsur eingeführt wird. Die Bedrohung durch die Protomoleküle ist verschwunden, stattdessen hat man jetzt (fast) die Möglichkeit, (fast) das ganze Universum zu bereisen. Und zu kolonisieren. Das wird doch die ganze Menschheit freuen. Da kann man von den nächsten Bänden eine Migration der Menschheit in das weite Universum erwarten, der Leser dürfte gespannt sein, was die Menschen dort erwartet.
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Ist es wirklich die ganze Menschheit, die sich über die neuen Möglichkeiten freut ? Und sind wirklich alle Protomoleküle aus dem Sonnensystem verschwunden oder hat irgendwo noch eine Probe überlebt ? *grins*


Dienstag, 10. Januar 2017

James Corey : Calibans Krieg



James Corey : Calibans Krieg (Caliban's War)
The Expanse 02
HEYNE 2013
Deutsche Erstausgabe
Originalausgabe Orbit 2012
Paperback, 656 Seiten, 14,99 €
Titelbild : ???
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski


Die Menschheit hat die Himmelskörper unseres Sonnensystems besiedelt. Doch der Friede bröckelt, denn die Kolonien begehren gegen die Vorherrschaft der Erde auf, und auf dem Jupitermond Ganymed haben die Kämpfe schon begonnen. Das Schicksal der Menschheit steht auf Messers Schneide ...

Das Sonnensystem ist in Aufruhr. Auf Ganymed muss eine Elitesoldatin mit ansehen, wie ihre Truppe von einem monströsen, übermenschlichen Superkrieger vernichtet wird. Auf der Erde kämpft eine hochrangige Politikerin mit aller Macht gegen den heraufziehenden interplanetarischen Krieg an. Und auf der Venus breitet sich ein fremdartiges Protomolekül aus, das an dem Planeten ungeahnte Veränderungen bewirkt und sich nun auf die anderen Himmelskörper des Sonnensystems zu verbreiten droht. Woher kommt es, und was bedeutet das für die Menschheit?

Währenddessen begibt sich Kapitän James Holden auf eine neue Mission. Von den leeren Weiten des äußeren Sonnensystems bringt er einen Wissenschaftler auf den Jupitermond Ganymed, der dort nach einem vermissten Kind suchen will – doch dass das Schicksal dieses Kindes mit der Zukunft des Sonnensystem und der
Menschheit zusammenhängt, begreift Holden erst, als es schon fast zu spät ist. Ein atemberaubender Wettlauft gegen die Zeit beginnt.
Klappentext


Der Anzug meldete sieben Ziele. Weniger als ein Drittel der Besatzung im UN-Vorposten.
Das ist doch völlig unsinnig.
Sie wies den Anzug an, in fünfhundert Metern Entfernung eine Linie in das Display einzuzeichnen. Ihren Untergebenen erklärte sie nicht, dass dies die Grenze war, von der an sie das Feuer eröffnen sollten. Das war nicht nötig. Ihre Leute würden schießen, sobald sie es selbst tat, ohne nach dem Grund zu fragen.

Die UN-Soldaten waren jetzt weniger als einen Kilometer entfernt, hatten ihrerseits aber noch keinen Schuss abgefeuert. Außerdem liefen sie nicht in Formation. Sechs kamen in einer unordentlichen Reihe vorneweg, der siebte folgte etwa siebzig Meter hinter ihnen. Ihr Helmdisplay wählte den Gegner auf der linken Seite als
Ziel aus, weil er der nächste war. Doch irgendetwas störte sie, und sie überging die automatische Zielauswahl, visierte das hintere Ziel an und vergrößerte es.Die kleine Gestalt wuchs in der Zieloptik heran. Es lief ihr kalt den Rücken hinunter. Sie erhöhte die Vergrößerung abermals.

Die Gestalt hinter den sechs UN-Marinesoldaten trug keinen Schutzanzug. Genau genommen handelte es sich auch nicht um einen Menschen. Die Haut war mit Chitinplatten bedeckt, die an große schwarze Schuppen erinnerten. Der Kopf war entsetzlich. Doppelt so groß wie normal und mit seltsamen Auswüchsen übersät. Das Schlimmste waren die Hände – viel zu groß für diesen Körper und im Vergleich zur Breite zu lang. Es waren Horrorhände aus dem Albtraum eines Kindes. Die Hände eines Trolls unter dem Bett oder die Klauen der Hexe, die durch das Fenster einsteigt. Sie spannten sich manisch, als wollten sie etwas Unsichtbares packen.Die Truppen der Erde griffen nicht an. Sie flohen.

»Schießt auf das Wesen, das sie jagt«, rief Bobbie, obwohl niemand es hören konnte.

Noch bevor die UN-Soldaten die fünfhundert Meter entfernte Feuerlinie erreichten, holte das Wesen sie ein.
»Oh, verdammte Scheiße«, flüsterte Bobbie. »Oh, verdammt.«
Es packte einen UN-Marinesoldaten mit den riesigen Händen und zerfetzte ihn wie ein Stück Papier. Die aus Titanium und Keramik konstruierte Rüstung riss ebenso leicht entzwei wie der Körper, der in ihr steckte. Ausrüstungsteile und feuchte menschliche Eingeweide flogen als wirrer Haufen auf das Eis. Die übrigen fünf Soldaten liefen noch schneller, doch das Ungeheuer wurde, wenn es tötete, nicht einmal merklich langsamer.
»Schießt doch, schießt doch, schießt doch!«, schrie Bobbie, während sie das Feuer eröffnete. Ihre Ausbildung und die Technik ihres Kampfanzugs machten sie zu einer äußerst effizienten Tötungsmaschine. Sobald ihr Finger den Abzug der eingebauten Waffe berührte, jagte mit mehr als tausend Metern pro Sekunde ein Strom von zwei Millimeter großen, panzerbrechenden Geschossen auf das Wesen zu. Weniger als eine Sekunde später hatte sie bereits fünfzig Geschosse abgefeuert. Das Wesen war ein vergleichsweise langsames Ziel von annähernd menschlicher Größe, das zudem geradeaus lief. Der Zielcomputer übernahm die ballistischen Korrekturen und hätte es ihr erlaubt, ein Ziel von der Größe eines Fußballs zu treffen, das sich mit Überschallgeschwindigkeit bewegte. Jede Kugel traf.
Eine Wirkung war nicht zu erkennen.
Die Geschosse schlugen einfach durch
Leseprobe

Der zweite Band ist ja immer so eine Art Bewährungsprobe. Bei vielen Zyklen ist ein deutlicher Qualitäts-Abfall zu bemerken, nur bei gut durchgeplanten Romanserien, bei denen die Autoren sich vorher über den Gesamtablauf detaillierte Gedanken gemacht haben, ist das anders. Meistens sind das dann auch die Zyklen, die man immer wieder liest. Und "The Expanse" scheint sich in diese Stufe einzureihen.

Denn von Langeweile ist bei "Caliban's War" nichts zu bemerken. Und das, obwohl der Grundplot mit dem ersten Band nahezu identisch ist : Ein Wirtschaftskonzern experimentiert mit den außerirdischen Sporen, vollkommen skrupellos gegenüber möglichen Nebenwirkungen. Witzigerweise der gleiche Konzern, der schon die Scheiße im ersten Band angerührt hat, was sehr elegant die These vom irrsinnigen Einzeltäter widerlegt. Gelungenes Szenario !

Und es treten neue Leute auf, die Politik spielt eine viel stärkere Rolle als im ersten Band. Und das, ohne die Überlebenden des ersten Bands zu vernachlässigen. Auch wenn für meinen ganz persönlichen Geschmack die politischen Machinationen etwas naiv dargestellt werden, hat mir die Komplexität der Geschichte sehr gut gefallen. Der Leser wird zusammen mit den Protagonisten so nach und nach an die hinter den Ereignissen ablaufenden eigentlichen Handlungen herangeführt, der Krimi-Aspekt macht einen großen Charme des Ganzen aus.

Independently intelligible but best appreciated after volume one—and with a huge surprise twist in the last sentence.
Kirkus Reviews

Die amerikanischen Kritiker waren durch die Bank weg vom zweiten Teil beeindruckt und ich kann ihnen nur zustimmen. Ein schöner zweiter Band, der die Expanse-Story intelligent weiterführt. Lohnt sich !

Montag, 9. Januar 2017

James Corey : Leviathan erwacht



James Corey : Leviathan erwacht (Leviathan Wakes)
The Expanse 01
HEYNE 2012
Deutsche Erstausgabe
Originalausgabe Orbit 2011
Paperback, 656 Seiten, 14,99 €
Titelbild : ???
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski


Im Weltall gibt es kein Gesetz ...

Die Menschheit hat das Sonnensystem kolonisiert. Auf dem Mond, dem Mars, im Asteroidengürtel und noch darüber hinaus gibt es Stationen und werden Rohstoffe abgebaut. Doch die Sterne sind den Menschen bisher verwehrt geblieben. Als der Kapitän eines kleinen Minenschiffs ein havariertes Schiff aufbringt, ahnt er nicht, welch gefährliches Geheimnis er in Händen hält – ein Geheimnis, das die Zukunft der ganzen menschlichen Zivilisation für immer verändern wird.
Klappentext

Nachdem diese Serie in phantastisch! 63 sehr positiv besprochen wurde, hatte meine Frau nix Besseres zu tun, als mir die Romane zum Geburtstag zu schenken. War nett, ich war echt überrascht.

Ebenso überrascht vom Inhalt, denn die Romane sind wirklich gut. Daniel James Abraham und Ty Corey Franck, die sich hinter dem Pseudonym "James Corey" verstecken, haben den Film Noir in den Weltraum verlegt. An mehreren Stellen habe ich Bogart direkt vor mir gesehen, wie er durch den Ceres-Asteroiden irrt. Das ist schon faszinierend und hat etwas von den klassischen SF-Pulps der 30er und 40er. Allerdings deutlich weniger naiv, wesentlich kritischer auch den eigenen Helden gegenüber.

Der erste Band der Expanse-Reihe ist ein typischer Einführungsband. Das Setting und die einzelnen Charaktere werden vorgestellt, die verschiedenen Fraktionen innerhalb des Sonnensystems angedeutet. Dabei gelingt es den Autoren, simple Infodumps zu vermeiden, sie zeigen die Gesellschaften innerhalb des Sonnensystems durch die verschiedenen Aktionen der Protagonisten. Hat mir ausnehmend gut gefallen, ist schon selten, daß man auf eine SF-Welt trifft, die nicht im ersten Augenblick völlig durchschaut wird. Fand ich gut.

Ebenso gut wie die herrliche Charaktersierung von James Holden als ungemein naiv-ehrlichen "Ritter auf dem weißen Ross". Erinnerte mich an klassische Western der Prä-Italo-Ära, als man sich auch manchmal fragte, wie sich ein Held so ausnutzen lassen konnte. Hier wird dies überdeutlich in aller Bitterkeit geschildert, ein gelungener Plot, der am Ende doch noch gut ausgeht. Naja, irgendwie. Aber eigentlich nicht wirklich... Der Böse stirbt auf jeden Fall, klassisch, das ist ok. Aber seine Aktionen haben Konsequenzen, die im nächsten Band (bzw. in den nächsten Bänden) hochkochen.

In jedem Fall ein gelungener Auftakt, ich habe dann nahtlos weitergelesen. Meiner Meinung nach sind die Expanse-Romane zukünftige Klassiker, man sollte sie sich nicht entgehen lassen.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Paul Kearney : Der eiserne Krieg



Paul Kearney : Der eiserne Krieg (The Iron Wars)
Die Königreiche Gottes 03
Atlantis 2016
Neuausgabe
Deutsche Erstausgabe Bastei-Lübbe 2000
Originalausgabe Gollancz 1999
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 280 Seiten, 14,90 €
Aus dem Englischen von Michael Krug
Titelbild : Timo Kümmel
auch als Paperback und eBook erhältlich


Es ist Krieg in Torunna. Der Kampf gegen die verhassten Merduks geht in die entscheidende Phase. Die mächtige Feste Ormann ist gefallen und die Truppen des Sultans Aurungzeb marschieren gegen die Hauptstadt Torunn. Gefördert von der Königinmutter steigt der Stern des Soldaten Corfe aus Aekir. Ganz zum Missfallen des Königs Lofantyr. Dieser versucht alles, um den neuen Günstling seiner Mutter kaltzustellen.

Zur gleichen Zeit kämpft der junge König Abeleyn in Hebrion ums Überleben. Just im Moment des Sieges über seine adligen Gegner trifft ihn eine letzte Bombe und beraubt ihn seiner Beine. König Marks Schwester Isolla, die zur bündnisstärkenden Heirat aus Astarak angekommen ist, versucht zusammen mit dem Magier Golophin Abeleyn zurück ins Leben zu holen. Doch die Chancen sind gering und die adeligen Aasgeier kreisen bereits über dem Palast, um das Erbe des Königs anzutreten.

Auch in der nunmehr gespaltenen Kirche ist es unruhig. Die beiden Glaubensbrüder Albrec und Avila haben das Schriftstück über das wahre Leben des Heiligen Ramusio, dem Begründer des Glaubens in Normannia, aus dem Kloster Charibon gerettet und befinden sich nun auf der gefährlichen Reise zum zweiten Pontifex Macrobius nach Torunn. Die Wahrheit muss endlich ans Licht kommen: Sowohl die Merduks als auch die Bewohner der fünf Königreiche beten zum gleichen Heiligen, zum gleichen Gott.
Klappentext

Die Geschichte wird immer vorhersehbarer, die Klischees immer abgenutzter, die Figuren immer platter. Dagegen ist das Fantasy-Telefonbuch echt innovativ, wie ein Kommentator auf Amazon bemerkte. Das macht aber nix, der Schmöker ist gut geschrieben. Und selbst wenn man schon auf Seite 1 weiss, was in den folgenden 279 passiert, liest sich das Ganze doch recht angenehm.

Mittwoch, 4. Januar 2017

Paul Kearney : Die Ketzerkönige



Paul Kearney : Die Ketzerkönige (The Heretic Kings)
Die Königreiche Gottes 02
Atlantis 2015
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 390 Seiten, 16,90 €
Neuausgabe
Deutsche Erstausgabe Bastei-Lübbe 1997
Originalausgabe Gollancz 1996
Aus dem Englischen von Michael Krug
Titelbild: Timo Kümmel
auch als Paperback und eBook erhältlich


Die fünf Königreiche Gottes sind gespalten. Auf dem Treffen der weltlichen Herrscher haben sich die drei Könige Abeleyn von Hebrion, Mark von Astarak und Lofanty von Torunna vom neu gewählten Pontifex Himerius losgesagt und sind daraufhin exkommuniziert worden. Sie halten zum tot geglaubten Macrobius, dem alten Pontifex, der an der Seite des Soldaten Corfe, dem einzigen Überlebenden der Armee des John Mogen aus Aekir, in der Feste Ormann wieder aufgetaucht ist. Diese Festung wird auch zum Ort der ersten Niederlage der Merduks, die glaubten, nach dem Fall der Stadt Aekir nun leichtes Spiel auf ihrem Eroberungszug zu haben.
Klappentext

Auch der zweite Band der Reihe liest sich ganz gut, wenngleich er nichts Neues bringt und die Geschichte ziemlich vorhersehbar ist.

Das liegt allerdings auch daran, daß insbesondere in diesem Genre, in diesem Setting, zwei wirklich brilliante epische Erzählungen existieren : Die Deryni-Geschichten von Katherine Kurtz und die Safehold-Romane von David Weber.

Der erste Deryni-Roman erschien 1970 und stellt - analog zu Kearney - die Konflikte einer aufgeklärten Gesellschaft mit einer mittelalterlichen Kirche in den Vordergrund. In dieses Setting kehrt die Autorin immer wieder zurück, der letzte Roman ist von 2014.

David Weber schreibt da konstanter in seinem Nimue Alban-Universum, jedes Jahr erscheint ein weiterer Roman. Auch hier wendet sich eine Gesellschaft gegen eine mittelalterlich-inquisitorische Kirche.

Beide epischen Erzählungen sind um Klassen besser als die Kearney-Romane. Das liegt unter anderem daran, daß beide Autoren das Sprichwort "homo homini lupus" verstanden und in ihre Romane integriert haben. Im Gegensatz zu Kearney gibt es nämlich bei Kurtz und Weber keinen bösen Einfluß von Außen, alles ist menschengemacht und jeder ist für sich selber verantwortlich. Da braucht es keine bösen Werwölfe oder fiese Muselmanen, die auf die Gesellschaft einprügeln.

Wenn man also diese Romane kennt, gibt einem der Kearney inhaltlich wenig. Aber, wie gesagt, er liest sich ganz flüssig und ist für weniger belesene Leser sicher eine deutliche Empfehlung - wie man ja zum Beispiel den Amazon-"Rezensionen" anmerkt.

Dienstag, 3. Januar 2017

Paul Kearney : Hawkwoods Reise



Paul Kearney : Hawkwoods Reise (Hawkwood's Voyage)
Die Königreiche Gottes 01
Atlantis 2015
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 350 Seiten, 16,90 €
Neuausgabe
Deutsche Erstausgabe Bastei-Lübbe 1996
Originalausgabe Gollancz 1995
Aus dem Englischen von Michael Krug
Titelbild : Timo Kümmel
auch als Paperback und eBook erhältlich


Die fünf Königreiche Gottes stehen vor weitreichenden Veränderungen. Die Merduks, unter ihrem mächtigen Feldherren Shar Baraz, haben das Bollwerk im Osten, die Metropole Aekir, einfach überrannt und lagern nun vor den Toren der westlichen Welt. Gleichzeitig bläst der Orden der Brüder vom Ersten Tag zu einer Säuberungsaktion gegen alles ungläubige Zauberervolk in den fünf Königreichen Gottes. Besonders in Hebrion hat der junge König Abeleyn unter den frommen Fanatikern zu leiden. Bei der Suche nach einem Weg seine "magischen" Untertanen zu retten, stößt er auf die Pläne seines Vetters, Fürst Murad, und dessen Absichten, auf dem unerforschten westlichen Kontinent eine hebrionische Siedlung zu errichten. Auf den beiden Schiffen des Seemannes Richard Hawkwood soll die Expedition nach den Angaben aus einem alten Logbuch einer früheren Reise gestartet werden. Doch was Murad sowohl seinem König als auch Hawkwood verschweigt: Damals reiste das Grauen mit aus den westlichen Landen. Keiner der Expeditionsteilnehmer kehrte je lebendig in die Häfen von Hebrion zurück.
Klappentext

Typische epische Fantasy der 80er. Allerdings Mitte der 90er geschrieben und - wie man dem Erikson-Zitat auf dem Cover entnehmen kann - ziemlich hochgehypt. Das Setting ist das typische Mittelalter-Setting einer Standard-AD&D-Gruppe, gewürzt mit der üblichen bösen Kirche der Pseudomittelalter. Der Plot, beziehungsweise seine einzelnen Stränge, sind ebenfalls wenig innovativ und jemandem wie mir, der die internationale Fantasy seit ihren Neuanfängen in den amerikanischen Pulps der 30er kennt, wohlvertraut.

Allerdings sind die Romane gut geschrieben, trotz aller inhaltlichen Kritik lesen sie sich recht flüssig. Der allwissende Erzähler nervt zwar am Anfang, aber wenn man sich an den und die Vorhersehbarkeit der Geschichte gewöhnt hat, kommt man recht gut durch den Roman. Dabei fällt dem versiertem Leser allerdings die strukturelle Simplizität der Kapitel auf. Aber egal, das Buch ist auf jeden Fall ein guter Fantasy-Schmöker. Leider aber nicht mehr.

Montag, 2. Januar 2017

Andreas Brandhorst : Omni



Andreas Brandhorst : Omni
Piper 2016
Originalausgabe
Paperback, ca. 560 Seiten, 15,- €
Titelbild : ???
ISBN : 978-3-492-70359-8


Aurelius, vor zehntausend Jahren auf der legendären Erde geboren, ist einer von nur sechs Menschen, die Zugang zu Omni haben, einem Zusammenschluss von Superzivilisationen, der die Macht über die Milchstraße innehat. Nun erhält Aurelius seinen letzten Auftrag: Er soll verhindern, dass ein rätselhaftes Artefakt an Bord des im Hyperraum gestrandeten Raumschiffs Kuritania in falsche Hände gerät. Eine einflussreiche Schattenorganisation ist dem Wrack bereits auf der Spur. Der Agent Forrester und seine Tochter Zinnober sollen den Fund bergen und Aurelius entführen – denn mit seiner Hilfe könnte das Artefakt wieder aktiviert werden. Doch die Mission gerät außer Kontrolle – und Aurelius, Forrester und Zinnober finden sich in einem undurchsichtigen Spiel wieder, das die Zukunft der ganzen Menschheit bedroht ...
Klappentext

Der Asteroid, ein Felsbrocken mit einem Durchmesser von knapp fünfhundert Kilometern, zog einsam seine Bahn am Ende des Perseusarms der Milchstraße, viele Lichtjahre vom nächsten Sonnensystem entfernt. An seinem dunklen Himmel leuchtete das Feuerrad der Galaxis, hell genug, um auf der rauen, zerklüfteten Oberfläche des Asteroiden Muster aus Licht und Schatten zu erschaffen. Der Felsbrocken hatte keine Atmosphäre, die Schallwellen übertragen konnte, aber der Mann hörte, wie die dünne Kruste aus Methan- und Ammoniakeis unter seinen Stiefeln knirschte, als er sich der Mulde mit der Figur näherte, die älter war als er selbst, älter als zehntausend Jahre. Der Kontinua-Film – die für gewöhnliche Augen unsichtbare zweite Haut, die ihn vor dem kalten Vakuum des Alls und der harten Strahlung schützte – verwandelte die Vibrationen in Geräusche.

Die Figur erhob sich am tiefsten Punkt der Mulde; sie war einem Humanoiden nachempfunden, vielleicht einer Frau, die Gesichtszüge wirkten weich und sanft. Beide Arme waren erhoben, den Sternen entgegengestreckt. Wie bei seinem ersten Besuch vor mehr als tausend Jahren betrachtete der Mann die jadegrünen Augen und versuchte zu verstehen, was ihr Blick bedeutete. Sehnsucht? Staunen angesichts der Unermesslichkeit des Universums? Zum siebten Mal befand sich der Mann an diesem Ort, und wieder lag etwas anderes in den Augen, diesmal vielleicht ein Hauch von Melancholie.

Ein Licht erschien neben ihm, ein blauer Punkt, der zur senkrechten Linie einer Kontinua-Brücke wurde. Eine Gestalt trat aus ihr, legte mit einem Schritt so viele Lichtjahre zurück, wie der Mann alt war: zehntausend.

»Wieder hier, Aurelius?« Die Worte der Gestalt klangen wie leiser Gesang. »An diesem Ort?«

Der Mann lächelte kurz, vielleicht ein wenig wehmütig. »Von hier aus kann ich die Erde sehen.«

»Die Erde, Aurelius?«

»Beziehungsweise den Punkt der Galaxis, wo sich das Sol-System befindet.« Er deutete nach oben zum Orionarm der Galaxis. »Dort. Es gibt nicht mehr viele Menschen, die sich daran erinnern.«

»Außer dir nur fünf. Die anderen ausgewählten Reisenden.«

Der Mann namens Aurelius, vor zehn Jahrtausenden auf der Erde als Lukas Jaylen Ciriako geboren, deutete auf die Figur. »Wer hat die Statue erschaffen? Sie ist eine Million Jahre alt. Das sagen die Sensoren meines Schiffes.«

»Wir sind Omni, aber selbst wir wissen nicht alles.« Die Gestalt, die aus dem blauen Leuchten der Kontinua-Brücke gekommen war, breitete dünne Arme aus. »Warum wählst du für unser Treffen ausgerechnet diesen abgelegenen Ort?«

»Weil er abgelegen ist. Weil man hier Abstand hat, die Dinge aus einer anderen Perspektive sieht. Auf der Erde gibt es – oder gab es – ein Sprichwort: ›Man muss den Wald verlassen, um ihn zu sehen.‹«

Aurelius wandte sich von der Statue ab, die seit einer Million Jahren die Arme zu den Sternen hob. Das Wesen, das aus der Brücke gekommen war, schien mehr Licht als feste Substanz zu sein. Es ähnelte den Engeln des Sprawl, durch das die Raumschiffe der Menschen und einiger Äquivalent-Zivilisationen flogen. Vielleicht war es so alt wie die Statue, vielleicht noch viel älter. Aurelius kannte es seit fast zehntausend Jahren: Thrako von den Inper, der dreizehnten von vierzehn ihm bekannten Superzivilisationen des Omni.

»Das klingt nachdenklich«, sagte Thrako. Aurelius dachte von ihm als »er«, aber vermutlich hatte der Inper gar kein Geschlecht. Elfenbeinfarben und halb durchsichtig stand er vor dem Blau der Brücke, die Gliedmaßen lang und dünn, der Rumpf in der Mitte wie zusammengeschnürt, der schmale Kopf ein nach hinten führender Bogen. Die großen, silbernen Augen nahmen die Hälfte des Gesichts ein.

»Ich bin nachdenklich«, sagte Aurelius. »Ich denke über unsere Missionen nach. Sie scheinen nicht viel zu bewirken. Wir greifen hier und dort ein, vorsichtig, mit sanfter Hand, oft an Stellen, die auf den ersten Blick betrachtet unwichtig sind, und offenbar verändert sich nicht viel.«

»Zehntausend Jahre sind nicht viel Zeit.«

»Für Menschen schon.«

»Für einzelne von ihnen, für Individuen, aber nicht für die ganze Spezies, nicht für ihre Rolle auf der galaktischen Bühne.«

Aurelius seufzte, blickte erneut nach oben und betrachtete die Milchstraße. Eine große Bühne, ja, mit mehr Darstellern, als ein Mensch zählen konnte, und es fand nicht nur ein Stück auf ihr statt, sondern viele, vor allem Dramen und Tragödien.

»Eine letzte Mission«, sagte er langsam und fühlte das Gewicht in den Worten. »Dann möchte ich zurück ins Omni. Zurück zu euch. Für hundert Jahre.«

»Du hast dir eine Rückkehr verdient, Aurelius. Du könntest sofort zurückkehren, und für mehr als nur hundert deiner Jahre.«

»Eine letzte Mission«, wiederholte Aurelius. »Damit ich genug Zeit bekomme für eine Neubesinnung.«

»Was hast du vor?«, fragte Thrako.

Aurelius schickte ihm die Daten.

Mehrere Sekunden verstrichen, und als Aurelius’ Blick zu den jadegrünen Augen der Figur zurückkehrte, schienen sie sich erneut verändert zu haben. Etwas Abwartendes lag jetzt in ihnen.

»Es würde dich in Gefahr bringen«, sagte Thrako schließlich.

»Das lässt sich nicht vermeiden.«

»Du kannst sterben, Aurelius. Du bist nicht vor Gewalt geschützt.«

»Ich weiß.«

»Wir würden es sehr bedauern, dich zu verlieren.«

»Omni wird mich nicht verlieren.«

»Du willst deine Anonymität aufgeben, dich zu erkennen geben.«

»Das sieht der Plan vor, ja. Ich werde auf alles vorbereitet sein.«

Thrako klang fast traurig, als er sang: »Man kann nie auf alles vorbereitet sein, Aurelius. Das Unerwartete liegt immer auf der Lauer, überall.«

»Ich werde so gut vorbereitet sein wie möglich. Ist Omni einverstanden?«

Wieder folgten zwei oder drei Sekunden der Stille. Im blauen Spalt der Kontinua-Brücke flackerte es.

»Natürlich. Es liegt in deinem Ermessensspielraum. Es betrifft dich. Ich/wir sind einverstanden.«

Aurelius neigte kurz den Kopf. »Gut. Ich mache mich sofort auf den Weg. Wir sehen uns bald wieder.« Er drehte sich um und ging in Richtung seines Schiffes, das hundert Meter entfernt zwischen den Felsen auf ihn wartete.

»Aurelius?«

Er blieb stehen und drehte sich halb um.

»Ich wünsche dir Glück«, sagte Thrako und winkte mit beiden schmalen Händen.

»Das Glück«, erwiderte Aurelius, »ist ein unsicherer Verbündeter.«
Prolog

Hätte ich noch ein weiteres Mal gelesen, daß Forrester und seine Tochter Isdina-Iaschu, genannt Zinnober, eigentlich wegen der Entführung von Aurelius hätten bestraft werden sollen, ich wäre schreiend gegen die nächste Wand gelaufen. Aber so was von !

Dabei ist der Roman ansonsten ganz nett : Ein riesengroßes Universum, viele FirstOne-Zivilisationen, die sich zum Omni-Verbund zusammengeschlossen haben, eine Menge an hochtechnisierten, aber weniger entwickelten Rassen, die sogenannten Äquiv-Zivilisationen, eine ultrageheime Geheimagentur, ein Aussteiger aus dieser Agentur undsoweiter undsofort. Und trotz aller dieser Zutaten konnte mich der Roman nicht wirklich faszinieren, es blieb beim "ganz nett".

Und als ich all die begeisterten Kommentare auf Amazon las, fragte ich mich, warum eigentlich? Was war es, das mich der Roman nicht zu Begeisterungsstürmen hinriss, ganz im Gegenteil etwa zu dem 3 Band des Kanatki-Zyklus? Gleicher Autor, etwas älter, stilistisch eher weiterentwickelt. Die Story liest sich flüssig, vielleicht an ein, zwei Stellen zu wenig dynamisch, aber das war es definitiv auch nicht. Und als erster Band einer Reihe im Omni-Universum habe ich auch nicht so das Problem mit nicht bis ins letzte Detail beschriebenen Personen und Handlungsträgern. Und im Gegensatz zu "Das Schiff", dem letztjährigen Brandhorst, in dem er meiner Meinung nach den Schluß versaut hat, ist bei "Omni" die Geschichte aus einem Guß, gut durchstrukturiert und sauber erzählt, keinerlei (größere) Inkonsistenzen zu merken.

Nein, der Grund ist ein ganz anderer. Das wird schön an einer Hommage deutlich, die Brandhorst nicht am Ende aufführt : Dem Planeten "Mechanica" beispielsweise, die Raumschiffswerft im menschlichen Teil des Universums. Leute wie ich haben da sofort den gleichnamigen Planeten aus dem Perry Rhodan-Universum im Hinterkopf, sehen vor ihrem geistigen Auge das entsprechende John Wayne-Cover, fragen sich, wie es im Omni-Universum dem Zentralplasma geht undsoweiter undsofort. Doch das Mechanica von Andreas Brandhorst hat nix mit dem Mechanica von Perry Rhodan zu tun und der Autor legt auch keinen Wert auf diese Assoziationen. Denn er hat den Roman nicht für Fossilien wie mich geschrieben (die bei der im Prolog beschriebenen Relativen Unsterblichkeit sofort ein ganzes Bündel an Assoziationen zur Hand haben), sondern für Jüngere, die nächste Generation von SF-Fans. Und das ist meiner Meinung nach die grösste Leistung des Autors bei diesem Roman. Dieser Roman ist eben nicht für diejenigen, den den Sense of Wonder schon in Romanen von Asimov, Heinlein, Bulmer, Tubb, Lem, Boulle, Anderson, Moorcock, Harrison und wie sie alle heißen, erfahren haben, die nicht schon seit einem halben Jahrhundert SF lesen und vielleicht etwas "ausgeleiert" sind. Nein, "Omni" ist für die Nachfolgenden, für diejenigen, die 2016 ihre SF-Sturm-und Drang-Zeit haben. Und für die ist der Roman auch genau richtig.

Man sollte sich also von meinem Genörgel "Alles schon mal dagewesen" nicht irritieren lassen, gerade für jüngere SF-Fans – ääähhh, damit meine ich SF-Fans, die noch auf der richtigen Seite der 50 sind – bietet der Roman ungehemmten Lesespaß. Insbesondere als Andreas Brandhorst an vielen Stellen unheimlich bildhaft schreibt. Mein persönlicher Favorit dazu ist die Darstellung des Hyperraums/Mergerraums/Sprawl und der darin lebenden Wesen, den "Engeln". Hier wird die Fremdartigkeit und Exotik wunderbar zum Leben erweckt. [Erinnerte mich natürlich an Timothy Zahn und Norman Spinrad. *mitdemKrückstockrumfuchtel*] Brandhorst schreibt in diesen Szenen so plastisch, daß man sie sozusagen in Farbe und 3D liest.

Insgesamt also ein Roman, den man sich unbedingt kaufen sollte. Jedenfalls U50er. Und ich bin schon mal neugierig auf seinen nächsten Omni-Roman, der im Frühjahr 2017 erscheinen soll.

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen

Etwas entspannter in den letzten Tagen habe ich mich mehr meiner Bronchitis und meinen Briefmarken denn meinem Blog gewidmet. Und Weihnachten natürlich, obwohl ich sagen muß, daß immer mehr der von mir gekauften Weihnachtsgeschenke online organisiert werden. War nett, war entspannend, aber ich hätte Facebook zulassen sollen. Dieses Jahr scheint ja echt nach einer Vorlage von GRRM abzulaufen, Carrie Fisher, Debbie Reynolds, Knut Kiesewetter...

Anyway, ich sitze jetzt entspannt neben dem "brennenden" Tannenbaum, trinke meinen Tee und warte auf die nächste Portion Hustensaft. Und ich muß mal sehen, wahrscheinlich werde ich für nächste Woche noch ein paar Blogeinträge fertigmachen : Omni, Vektor, The Expanse, Paul Kearney - da ist noch einiges zu tun.



Aber erstmal noch ein paar Bilder vom Tannebaum. Im Gegensatz zu den meisten meiner amerikanischen Freunde wird er bei uns erst an Heiligabend, so etwa ab Mittag, geschmückt. Die Kugeln daran sind ein wildes Sammelsurium, teilweise über Generationen vererbt, zwischen 100 und 1 Jahr alt. Aber eben schön bunt.



In diesem Sinne ein Guten Rutsch allen meinen Bloglesern für 2017 und ein entspanntes Neues Jahr.

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Stefan Burban : Zwischen Ehre und Pflicht



Stefan Burban : Zwischen Ehre und Pflicht
Atlantis 2016
Originalausgabe
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 320 Seiten, 14,90 €
Titelbild : Allan J. Stark
Auch als Paperback und eBook erhältlich


Das 2. Bataillon des 105. Rangerregiments ist eine auf Guerillataktiken trainierte Eliteeinheit im Kampf gegen die Ruul. Auf unzähligen Welten haben die Berufssoldaten unter dem Kommando von Major Ryan Flynn ihren Wert und ihren Mut unter Beweis gestellt.

Umso frustrierter sind die Rangers, als sie dazu abkommandiert werden, die Miliz auf der abgelegenen Maguire-Kolonie auszubilden. Trotz ihrer Abneigung und Verachtung für die schlecht ausgebildeten Soldaten des Hinterwäldlerplaneten kommen sie ihrer Verpflichtung – wenn auch widerwillig – nach, nicht ahnend, dass der Tod auf den Planeten zurollt.
Klappentext

Und noch ein Burban, ich muß mal mit den Ruul-Romanen aufholen.

Und so wenig mir der letzte Drizil-Roman gefallen hat, so gut gefällt mir diese Ruul-Geschichte. Stefan Burban gelingt es, trotz zweier ziemlich extrem ähnlicher Szenarios Ruul- und Drizil-Geschichten komplett unterschiedlich zu erzählen. Und ich glaube, ich weiss jetzt auch, warum mir die eine Reihe gefällt und die andere nicht.

Die Drizil-Romane sind sehr von oben geschildert, Perspektive ist eigentlich durchgehend die Führungsebene. Tote Soldaten und Zivilisten werden summarisch abgehandelt, die Sicht darauf ist eine eher kollektive, einzelne Protagonisten bleiben meistens gesichtslos. Im Gegensatz dazu sind die Ruul-Romane sehr individuell, jeder, von der Führungsebene bis zum letzten Soldaten, bekommt ein Gesicht. Insbesondere in diesem Roman schildert Stefan Burban sehr schön die Auswirkungen der Ruul-Attacke auf Maguire auf jeder Ebene, exemplarisch und individuell. Ich denke mal, daß mir dieser individualistische Ansatz mehr liegt und daß ich den kollektiven ablehne. Das würde jedenfalls meine ganz unterschiedliche Reaktion auf die beiden Reihen von Stefan Burban erklären.

Der Roman selbst ist nett. Vorhersehbar zwar, aber einfach nett geschrieben. Wirklich, ich war von keiner einzigen Wendung des Romans überrascht und habe mich trotzdem zu keinem Zeitpunkt gelangweilt. Das ist schon eine Leistung des Autors.

Ebenso wie er hier das exakte Gleichgewicht (für meinen Geschmack) zwischen Detailinformationen und Handlung gefunden hat. Ebenso wie in dem letzten von mir gelesenen Drizil verliert sich Stefan Burban auch hier manchmal etwas heftig in militärischen Details. Das fällt aber erstens nicht so auf, weil es in den oben beschriebenen individualistischen Ansatz integriert ist und zweitens nicht so oft wie im Drizil geschieht.

Bei aller Liebe – und ich persönlich finde den Roman wirklich gut – kann man aber nicht verschweigen, daß die Geschichte doch sehr stark an der Oberfläche bleibt. Ryan Flynn und seine Leute kämpfen zusammen mit Nicoletta Maguire und ihren Leuten gegen ein Überfallkommando der Ruul. Mehr geschieht nicht, tiefergehende Einsichten in die Ruul-Psychologie oder die Befindlichkeiten der Menschen gibt es nicht wirklich. Das störte mich zwar überhaupt nicht bei der Lektüre, könnte aber sensiblere Gemüter abschrecken. Ich dagegen freue mich schon auf den nächsten Ruul.

Dienstag, 20. Dezember 2016

Dirk van den Boom : 1713



Dirk van den Boom : 1713
D9E 13
Wurdack 2016
Originalausgabe
Paperback, 254 Seiten, 12,95 €
ISBN : 978-3955561222


Im Ringen um die Vorherrschaft in der Milchstraße rücken die 1713 in den Mittelpunkt. Die enigmatische Roboterzivilisation hält in den Augen vieler den Schlüssel für den Sieg gegen die Hondh in ihren Händen. Doch gerade dieses Potential ruft auch jene auf den Plan, die in den hochentwickelten und intelligenten Robotern die größte Gefahr für ihre Pläne sehen. Als eine Frau, Besatzungsmitglied eines Minenraumschiffs, havariert und von den Robotern gerettet wird, setzt sie unfreiwillig eine Kette von Ereignissen in Gang, die zu einer Umwälzung der Verhältnisse führen kann, mit der niemals jemand gerechnet hätte. Ob Agenten der Hondh, die alte Mannschaft der Interceptor oder die Mechanische Hoheit: alle Augen richten sich auf das Schicksal der 1713.
Klappentext

Nach dem Burban habe ich dann gleich seinen Konkurrenten gelesen, der Herr Peinecke möge mir verzeihen, daß ich nicht der Reihe nach vorgehe. Aber das passte irgendwie.

Und der Roman passt auch. Auf Asimovs Spuren schildert Dirk van den Boom eine Maschinenzivilisation. Und zwar eine heute bereits durchaus vorstellbare, ihrer Uralt-Programmierung stur folgende. Hier sind Maschinen keine metallenen Menschen, stärker noch als Isaac Asimov mit seinen Roboter-Geschichten zeigt Dirk van den Boom die Maschinenzivilisation der 1713 als programmierte und damit auch beschränkte Entität. Und ebenso wie Asimov wird van den Boom nicht langweilig, seine Darstellung der Ereignisse um den Angriff der Hondh auf die 1713 ist hervorragend gelungen : Dynamisch, schnelle Perspektivenwechsel, sehr schön geschilderte Roboter und – last but not least – eine ganz gehörige Portion Sarkasmus. Plus der Integration von Erfahrungen des Beraters Dirk van den Boom aus dem Richtigen Leben :
"Mein Traummann! Ich wusste es!"
Thrax stand auf, umschlang Skepz' Oberkörper, drückte sie sanft an sich, zögerte einen winzigen Moment, dann entließ er sie in die Freiheit.
"Die Besprechung", sagte er heiser.
Die konnten ihn jetzt alle mal so richtig am Arsch lecken.
Thrax grinste, jungenhaft, und es war eine ehrliche Präsentation des plötzlichen Glücks, das wie ein Sprudeln aus einer lang versiegt geglaubten Quelle in ihm aufstieg.
So richtig!
Eine gute Basis für ein erfolgreiches Meeting.
Sehr schön fand ich auch die Unvorhersehbarkeit der Handlung. Dirk van den Boom macht es nicht nur spannend, er hat auch ein ziemlich präzises Exposé, das er abarbeitet. Man merkt es dem Roman an, daß er durchgeplant ist, so gut durchgeplant, daß jeder neue Plot-Twist eine Überraschung darstellt. Der unbefangene Leser durchlebt und durchleidet den Untergang von 1713 – und den Beginn einer Jagd auf Hondh-Agenten. Eine gelungene Space Opera, die ich nur jedem Hardcore-SF-Fan ans Herz legen kann.

Montag, 19. Dezember 2016

Stefan Burban : Im Zeichen der Templer



Stefan Burban : Im Zeichen der Templer
Atlantis 2016
Originalausgabe
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 320 Seiten, 14,90 €
Titelbild : Mark Freier
auch als Paperback und eBook erhältlich


1187 nach Christus.

Im Heiligen Land tobt ein erbitterter Kampf zwischen Salah ad-Din, bei seinen Feinden unter dem Namen Saladin bekannt, und den Kreuzfahrerstaaten unter der Führung von Guy de Lusignan, dem König von Jerusalem.

Nachdem Saladin das christliche Heer in der Schlacht bei Hattin vernichtend schlägt, ist der Weg frei, der Fall Jerusalems nur noch eine Frage der Zeit.

Der junge Tempelritter Christian d’Orléans wird tödlich verwundet auf dem Schlachtfeld zurückgelassen. Doch dort erfährt er größere Schrecken, als der Krieg ihm je hätte zeigen können. Eine dunkle Kreatur fällt über ihn her und macht ihn zu einem Wesen der Nacht – einem Vampir.

Schon bald darauf verdichten sich die Hinweise, dass hinter Saladins Invasion der Kreuzfahrerstaaten wesentlich mehr steckt als nur der Wunsch, Jerusalem zu erobern.

Hin und her gerissen zwischen dem mit seiner neuen Existenz verbundenen Blutdurst und dem Eid, den er seinen Brüdern vom Templerorden gab, macht sich Christian auf, die Verschwörung hinter dem blutigen Krieg im Heiligen Land zu ergründen, wohl wissend, dass er in eine verlorene Schlacht zieht …
Klappentext

Es gibt offenbar einen knallharten Wettbewerb zwischen Dirk van den Boom und Stefan Burban. In diesem geht es darum, pro Jahr möglichst viel Romane zu veröffentlichen. Dirk hat da zwar noch die Nase vorn, spannt aber unfairerweise seine Schwester Sylke Brandt mit ein, während Stefan heroisch als Einzelkämpfer vor sich hin schreibt.

Soweit die Verschwörungstheorie. Wenn man aber die Veröffentlichungsliste beider Autoren betrachtet, scheint diese Idee allerdings gar nicht so abwegig zu sein. Stefan Burban schreibt momentan Space Operas in Form der MilSF-Serien des Ruul- und Drizil-Zyklus. Und Fantasy in Form der Dämonenkrieg-Serie. Von jeder dieser drei Serien sind dieses Jahr ein bis drei Ausgaben bei Atlantis erschienen. Von den Battletech-Romanen bei FanPro einmal ganz abgesehen. Und jetzt beginnt er mit einer neuen Vampir-Serie – oder wird dies ein Einzelroman bleiben? Ich glaube es nicht, die Geschichte ist zwar schön abgeschlossen, das Setting bietet aber noch Stoff für diverse weitere Erzählungen.

Die ich auch gerne lesen würde. Denn neugierig wie ich war, habe ich mir den neuen Roman von Stefan Burban gleich nachdem er bei mir aufgeschlagen ist vorgenommen. Die Vampir-Darstellung ist nicht neu, hebt sich aber angenehm von dem kitschigen Geschmachte der Vampirschlampenromanen in der Nachfolge von "Twilight" ab. Burbans Vampire sind ursprünglicher, böser und unmenschlicher, der sie zu jeder Zeit beherrschende Blutdurst ist ein zentrales Thema. Doch auch sie haben die Möglichkeit, zwischen Gut und Böse zu differenzieren, die Entscheidungsfreiheit dieser Wesen ist ein zentraler Punkt des Romans.

Was mir fehlte, ist der religiöse Aspekt der Verwandlung, der im Roman nur extrem kurz angerissen wird. Haben Vampire eine Seele und sind sie auch nach ihrer Transformation weiter Geschöpfe Gottes? Über diesen Aspekt geht Stefan Burban leider zu leichtfertig drüber hinweg, wenngleich die Geschehnisse an sich eben diese Frage durchaus beantworten könnten.

Aber das ist dann schon Kritik auf ganz hohem Niveau. Bis auf diesen mir persönlich fehlendem philosophischen Aspekt liest sich der Roman nämlich ganz hervorragend, Stefan Burban führt das Szenario der Kreuzzüge im Heiligen Land so gelungen ein, daß man sich schon nach wenigen Seiten in dieser Zeit und diesem Setting zuhause fühlt. Auch die Geschichte selbst ist spannend erzählt und hat zwischendurch sehr schöne überraschende Wendungen. Das Ende ist fast schon klassisch zu nennen.

Köstlich amüsiert habe ich mich allerdings über die Darstellung von Robin Hood, den ich – der ich sonst nicht so der Blitzmerker bin – bereits beim ersten Auftritt erkannte. Ein echt gelungener Gimmick, gerne wieder, gerne mehr von dem Kaliber.

Insgesamt also ein Romika-Roman : Reinlesen und sich wohlfühlen. Und wer noch ein Weihnachtsgeschenk in letzter Sekunde sucht, ist hier gut bedient.