Montag, 10. November 2014

TERRA SF 028 - K. H. Scheer : Die lange Reise


Karl Herbert Scheer : Die lange Reise
Terra SF 028, 29.08.1958
gekürzter Nachdruck des gleichnamigen Leihbuchs von 1957
Titelbild : Johnny Bruck


Er war nicht menschlich, und doch so menschlich. Er war kein "er", sondern ein "es". Das lebende Gehirn des Gesko Speed, das ein genialer Chirurg in einen Robotkörper verpflanzt hatte, fühlte und dachte wie das eines normalen Menschen. Es war der Kommandant der "Aries", einem gewaltigen Fernraumer der Solaren-Union. Nur wenige Menschen an Bord kannten das Geheimnis des Kommandanten, doch diese Menschen schwiegen. Sie alle werden von den gewaltigen Energiefeldern betroffen, die im Innern eines Kugelsternhaufens existieren. Ein Triebwerk, dessen Impulse nicht mehr vierdimensional sind, versagt den Dienst. Überlichtschnelle Hyperraum-Sprünge sind nicht mehr möglich, und so beginnt die lange Reise für 350 Männer. Sie sind verzweifelt, indessen die "Aries" mit einfacher Lichtgeschwindigkeit durch das All rast. Sie alle kennen den Begriff der Zeit-Dilatation, wonach die sogenannte Zeit in einem fast lichtschnellen Körper zu einem relativen und bezugsgebundenen Begriff wird. Sie sind 22 000 Jahre lang nach irdischer Zeitrechnung unterwegs, doch für sie vergehen nur Wochen. Sie finden die Planeten des Sternenreiches Skorpion, aber diese Welten sind tot. Was ist geschehen in der Zeitspanne, indessen sie auf der langen Reise waren? Verzweifelt und müde reisen sie weiter. Das Ziel ist das solare System und damit die Erde. Sie finden ein Chaos, ein umgestürztes Sonnensystem. Gesko Speed bleibt hart. Er zwingt die Besatzung unter seinen Willen, da er Menschen finden will, um die menschliche Rasse erhalten zu können.

Es ist einmalig und grandios, mit welcher selbstverständlichen Sicherheit und Eleganz die einzelnen Szenen geschildert werden. Philosophische und psychologische Momente sind gekonnt niedergeschrieben. Gesko Speed findet die Menschen! Er entdeckt sie auf einem toten Himmelskörper, der aus seiner alten Bahn gerissen wurde. Er bringt sie zu einer anderen Welt. Er zwingt sie, er beherrscht sie, und sie fügen sich. Indessen für sie ein neues Leben beginnt, startet der Kommandant wieder zur langen Reise,

"Ich werde eure Nachkommen vernichten, wenn sie nicht menschlich bleiben. Die Zeit ist für mich." Das ist Speeds letztes Wort.

Ein Roman von einmaliger Spannung. Ein Roman aus der Feder des bekanntesten deutschen Schriftstellers in der utopischen Literatur.

Der Roman "DIE LANGE REISE" von K. H. Scheer wurde von der literarischen Abteilung des Science Fiction Club, Deutschland geprüft und als "space opera" empfohlen.
Klappentext des BALOWA-Leihbuchs

Der zweite der Gesko-Speed-Romane, der erste erschien (wird erscheinen?) als TERRA 136. Das hatte mit irgendeinem Rechte-Kuddelmuddel zu tun.

Interessant ist der Vergleich dieses Scheer-Romans mit dem vorhergehendem von Jack Williamson. Scheer schreibt viel unmittelbarer, deutlich dynamischer und – so kommt es jedenfalls beim Leser an – viel engagierter. Seine Protagonisten haben ihr Schicksal selber in der Hand und sind auch selbst für ihr Leben verantwortlich. Bei "After World's End" hatte ich den Eindruck, daß die Handlungsträger Marionetten eines ominösen Schicksals sind und daher auch wenig Eigenverantwortung für ihr Leben haben. Und während keiner der beiden Romane eine wirkliche Dystopie darstellt, so hatte ich nur bei dem hier vorliegendem Scheer den Eindruck eines optimistischen Zukunftsbildes.

Dieser subjektive optimistische Eindruck, den "Die Lange Reise" bei mir hervorgerufen hat, steht im vollkommenen Gegensatz zu den Geschehnissen, die Gesko Speed und die Mannschaft der "Aries" nach 22.000 Jahren im Sonnensystem vorfinden. Durch einen Krieg der drei großen Sternenreiche ist die Erde vernichtet – ebenso wie Orion und Antares, die Systeme der beiden Gegner. Die letzten überlebenden Menschen fristen ihr Leben in einer unterirdischen Kuppel auf dem Pluto – bzw. das, was von diesem Planeten übriggeblieben ist. Sie werden auf einen anderen Planeten verfrachtet, über den Gesko Speed die nächsten Jahrtausende wachen will, indem er die Massenvernichtungswaffen des letzten Kriegs in sein Schiff schaffen lässt und sich auf Dilatationsreise macht. Diese Massenvernichtungswaffen bzw. ihre Wirkung schildert Scheer in aller Deutlichkeit und stellt damit die Inhumanität der Anwendung solcher Waffensysteme nur allzu deutlich dar. Als Kommentar zum damals vorherrschendem Rüstungswettlauf beschreibt er auch sehr präzise die Parallelentwicklung von Massenvernichtungssystemen und die Unsinnigkeit eines Staates, auf eine technologische Überlegenheit zu hoffen, die einen Erstschlag unbeschadet überstehen lässt. Scheer erweist sich hier bei allem martialischem Auftreten einmal mehr als echter Verfechter des "Talk, don't shoot first", eine Einstellung, die seine Gegner Zeit seines Lebens nicht verstanden haben.

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