Donnerstag, 11. Juli 2013

George R. R. Martin : Planetenwanderer



George R.R. Martin : Planetenwanderer (Tuf Voyaging)
Deutsche Erstausgabe 2013, Amerikanische Omnibusausgabe 1986
Aus dem Amerikanischen von Berit Neumann
Heyne Paperback, 512 Seiten, 14,99 €
ISBN: 978-3-453-31494-8

Die Menschheit hat sich in den unendlichen Weiten des Weltalls ausgebreitet. Überall sind neue Siedlungen entstanden, und jede Welt birgt neue Gefahren. Als der interplanetarische Händler Haviland Tuf eines der letzten Saatschiffe der Erde erwirbt, beginnt seine Odyssee quer durch den Weltraum. Eine Odyssee, auf der Haviland Tuf vom einfachen Händler zum gefeierten Retter der Menschheit wird…
Klappentext

Nun ja.
Also.
Vielleicht zunächst einmal eine Warnung : Martin-Fans, insbesondere Liebhaber des Fantasy-Telefonbuchs (das, wie ich höre, in seinen neuesten Folgen sogar die Adressen der Protagonisten enthält), sollten lieber nicht weiterlesen.

Denn "Tuf Voyaging" ist ganz miese SF reaganscher Prägung und nur für SF-Geschichtsinteressierte lesenswert. Tatsächlich ist "Tuf Voyaging" auch kein Roman, sondern eine Sammlung von Kurzgeschichten aus den Jahren 1976 - 1985. Es enthält die folgenden Geschichten :
  • "The Plague Star" (1985)
  • "Loaves and Fishes" (1985)
  • "Guardians" (1981)
  • "Second Helpings" (1985)
  • "A Beast for Norn" (1976)
  • "Call Him Moses" (1978)
  • "Manna From Heaven" (1985)
Das wäre im Prinzip noch nix Schlimmes, viele gute Romane sind Episodenromane oder Zusammenfassungen mehrerer, zunächst unabhängiger Kurzgeschichten. Schlimm ist auch nicht der Held Havilland Tuf, ein Unsympath, wie er im Buche steht. Aber solche Helden können durchaus einen ganzen Roman tragen, wenn die Geschichte(n) halbwegs gut sind. Und wenigstens rudimentär politisch akzeptabel.

Viele SF-Leser, insbesondere jüngere, regen sich über Heinleins "Starship Troopers" auf. Dieses Buch aus dem Jahr 1959, in Deutschland erstmals 1979 erschienen, führt auch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Enstehung, zu heißen Diskussionen. Eine Demokratie, in der sich das Wahlrecht erst durch Dienst an der Allgemeinheit verdient werden muß, ist für viele Leute nicht akzeptabel. Zumindestens nicht in der Form, in der Heinlein sie darstellt. Ich sehe das zwar etwas anders, kann aber bis zu einem gewissem Grad die Leute verstehen, die die konservativ-militaristische Gesellschaft von Heinleins "Starship Troopers" ablehnen. Ich empfinde die Kritiker allerdings immer als etwas lautstark.

Um so erschütternder ist es, wenn bei der deutschen Erstveröffentlichung des deutlich fragwürdigerem Sammelsuriums uramerikanischer rechtskonservativer Propaganda [die ursprünglichen Worte, die hier standen, waren kürzer, deutlicher und wesentlich vulgärer], das sich "Tuf Voyaging" nennt, eben diese Ablehnung, die Heinlein mit seinen "Starship Troopers" wahrscheinlich bewusst provoziert hat, hier bei diesem Roman ausbleibt. Havilland Tuf kommt in den Besitz eines biotechnologischen Schiff-Artefakts und veranlasst ganze Planetengesellschaften, sich so zu verhalten, wie er es vorgibt. "Daddy knows best", ein typisch amerikanischer Spruch, eine auch heutzutage noch aktuelle amerikanische Geisteshaltung, hier bis zum Extrem der Unterdrückung ganzer Gesellschaftsformen ausgereizt und als Schelmenroman auf Papier gebracht. Nur sind Schelme wie Till Eulenspiegel diejenigen, die der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten und sie dadurch zum Positiven hin überzeugen, und nicht Leute wie Havilland Tuf, die gewaltsam jede nicht-konforme Gesellschaft in ein (pseudo-)amerikanisches Analogon verwandeln. Am deutlichsten wird diese bodenlose Arroganz in der Geschichte "A Beast for Norn", in der die Einmischung Havilland Tufs zum Zusammenbruch der Ökologie und Ökonomie des Planeten Norn führt. Man kann jetzt darüber argumentieren, ob ein Planet, in der Arenakämpfe zwischen wilden Tieren an der Tagesordnung sind, wirklich schützenswert ist. Aber auch wenn man zum gegenteiligen Ergebnis kommt ist das noch lange kein Grund, diese Gesellschaft zu zerstören und so umzumodeln, wie man es für opportun hält. Dies ist dann, erst dann und nur dann zulässig und notwendig, wenn man eine "Zivilisation" wie die des III. Reichs in der Nachbarschaft hat. Ansonsten hat man sich da gefälligst rauszuhalten und jeden nach seiner Façon seelig werden lassen. Aber das scheint für viele Amerikaner ein Problem zu sein, in der Vergangenheit als auch heutzutage. [Interessanterweise scheinen amerikanische Militärs, die sich nach ihrem Abschied literarisch in der SF tummeln, deutlich stärker basisdemokratisch orientiert zu sein als Leute, die nicht gedient haben. Könnte daran liegen, daß die Kampfeinsätze und die damit einhergehenden Kontakte zu anderen Gesellschaften das Demokratieverständnis von Militärs deutlich verfestigen. Gilt, wenn ich einige Randbemerkungen richtig interpretiere, nicht für Schreibtischhengste.]

So weit, so schlecht. Ich war eigentlich auch ziemlich irritiert ob der mangelnden Qualität von "Tuf Voyaging" da ich GRRM eigentlich als positiver in Erinnerung habe. Schließlich habe ich mir nicht umsonst schon in den 90ern die ersten Romane des "Lied von Eis und Feuer" gekauft. Ein Blick in die englische Wikipedia zeigte mir dann auch, warum : "Armageddon Rag" und "Fevre Dream" sind ganz hervorragende Romane, die von GRRM betreute Anthologie-Reihe "Wild Cards" faszinierend. Und von diesen drei Erfolgen zehrt GRRM offenbar noch heute.
Nun ja.

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