Montag, 1. Dezember 2014

TERRA SF 100 - K. H. Scheer : Octavian III


Karl Herbert Scheer : Octavian III
Terra SF 100, 22.01.1960
gekürzter Nachdruck des gleichnamigen Leihbuchs von 1958
Titelbild : Karl Stephan


Geboren worden war Minc Beryl auf einem Planeten, dessen Sonne nur als winziger Fleck auf den Stereo-Karten der Milchstraße glänzte. Sein Leben war ein Traum gewesen, bis er schließlich im großen Saal der Weisheit erwachte. "Octavian III" nannte man den dritten Mond eines unbewohnbaren Riesenplaneten; aber es gab nur sehr wenige Lebewesen unter den Intelligenzen der Milchstraße, die sich unter der Bezeichnung etwas vorstellen konnten.

K. H. Scheer geht mit der Handlung dieses ungewöhnlichen Romanes weit über die Grenzen der nahen Zukunft hinaus. Er findet damit den direkten Anschluß an die großen amerikanischen Erfolgsautoren, was sowohl für den sauberen Stil, als auch für die vorzüglich fundierte Charakterisierung der handelnden Personen gilt.

Mehr als achttausend bewohnte Welten gibt es in der kleinen Sterneninsel, die man Milchstraße nennt. Siebenhundert intelligente Rassen auf allen Stufen der Technifizierung und Zivilisation bevölkern Planeten mit den verschiedenartigsten Lebensbedingungen. Die Raumfahrt steht in ebenso verschiedenartigen Stadien. Indessen die Wesen einer fernen Welt kaum die Gravitation ihres Planeten überwinden können, gipfeln die Erkenntnisse anderer Intelligenzen in überlichtschnellen Raumreisen.

Es ist erregend, wie die einzelnen Entwicklungsstufen, Sorgen und Nöte geschildert werden. Bewohner des gleichen Himmelskörpers erschöpfen sich in atomaren Kriegen. Andere Rassen ersticken in Problemen, die einem Menschen unverständlich erscheinen müssen. Niemand kann genau sagen, wo der Sinn endet und der wahrscheinliche Unsinn beginnt. Nur auf "Octavian III" gibt es Wesen aus allen hochintelligenten Rassen der Galaxis, deren Denken und Fühlen mit allen Gegebenheiten koordiniert ist. Es sind die Korrektoren, zu denen ein Mensch namens Minc Beryl stößt. In ihnen vereint sich das Wissen aller Milchstraßenbewohner. Erkenntnisse, die man längst vergessen glaubt, werden auf "Octavian III" vervollkommnet. Es geschieht zum Nutzen aller Lebensarten, deren Entwicklung von den Korrektoren beobachtet und unauffällig eingerichtet wird. Eine unerhörte Technik beherbergt der kleine Mond, dessen Elitebesatzung wissen sollte, was gut und was schlecht ist. Die Eingriffe der ausgeschickten Korrektoren sollten zum Nutzen anderer Lebewesen dienen.

Zum Nutzen . . .?

Lesen Sie diesen großartigen Roman, der Ihnen alles bieten und vermitteln wird, was Sie von einem utopischen Werk verlangen können. Dafür bürgt der Name des Autors.
Klappentext des BALOWA-Leihbuchs

Dieser Roman zeigt deutlich die staatskritische Haltung von KHS. Skeptisch gegenüber einer "väterlich besorgten" Macht schildert er hier die möglichen Auswüchse eines solchen allgegenwärtigen und technologisch übermächtigen konservativen Gebildes. Die mögliche, von Scheer fast schon als zwangsläufig dargestellte Korruption des Systems ist eine Unterdrückung im Sinne von "1984", und nicht, wie viele seiner Zeitgenossen träumten, der erste Schritt zum Paradies. Damit war er seinen Autorenkollegen um Jahrzehnte voraus, erst in den 70ern, nach den Umwälzungen von '68, begriff man in der deutschen SF die Gefährlichkeit eines derartigen "väterlichen Staates", der sich in die Privatsphäre der Bürger einmischt und skrupellos eventuell zukünftig konkurrierende Staatsgebilde eliminiert. Parallelen zur Realität des Jahres 2014 sind nicht rein zufällig, Scheer hat hier den Prototyp des 1984-Systems beschrieben und mit einem technologischem Umfeld versehen.

Schade ist, daß "Octavian III" in der zweiten Romanhälfte stark abfällt, so als hätte KHS nicht so richtig gewusst, wie er das Szenario sauber und realistisch beenden sollte. Ich kann Thomas Harbach ("Von streitbaren Demokraten auf dem Weg zu den Sternen - K. H. Scheers UTOPIA Bestseller" aus Kurt Kobler (Hg.): "Kommandosache K. H. Scheer · Teil IV: Aktionsfaktor unbegrenzt", TCE 2007) nur zustimmen, der im Kontext von "Antares III" schreibt, daß Scheer bei Erreichung der Zeilengrenze eines Leihbuchs bei seinen Romanen doch ziemlich geschludert hat. Auch hier hätte man mehr draus machen können, so bleibt ein gewisser schaler Nachgeschmack zurück. Ich finde es auch bedauerlich, daß die Scheers bei der Überarbeitung der Romane für die "Utopia Bestseller" hier als auch an diversen anderen Stellen nicht diese schriftstellerischen Mankos ausgeglichen haben.

Was ich als Perry-Rhodan-Fan noch faszinierend fand ist die negative Darstellung der Molekülverformer hier im Roman. Im Gegensatz zur PR-Serie leistet sich Scheer hier noch den Lapsus der Darstellung von negativen Eigenschaften als typisches Rassemerkmal, was ich mir persönlich nur aus der Zeit heraus erklären kann. Etwas später - etwa bei den "Männern der Pyrrhus" - ist dies kein Thema mehr, die positiven oder negativen Eigenschaften eines Wesens sind individuell, nicht rassisch bedingt.

Insgesamt ein lesenswerter Roman mit Mängeln, der einmal mehr die Absurdität des Monitor-Beitrags zeigt.

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