Freitag, 13. März 2015

Michael Haitel (Hrsg.) : p.graffiti



Michael Haitel (Hrsg.) : p.graffiti – 10 Jahre p.machinery
AndroSF 50
Originalausgabe
p.machinery, Murnau 2014
Hardcover mit Lesebändchen, 332 Seiten, 22,90 €
alternativ als Taschenbuch (13,90 €) erhältlich
Titelbild : Galax Acheronian


>>Inspiriert von der Musik der Band "Extreme II" und ihrem Album "Pornograffitti"<< feiert p.machinery seinen 10. Geburtstag in Form einer Anthologie. Nicht die schlechteste Idee, insbesondere als das Niveau der Stories schon recht hoch ist. Es lohnt sich schon, sich mit den einzelnen Stories zu befassen, auch wenn das recht arbeitsintensiv war.

Paul Sanker : Walle! Walle ...
Genetische Verbesserungen können auch zu gut sein – und wenn zwei Familien um den Genetiker-Pokal kämpfen, werden Bedenken schon einmal beiseitegeschoben ...
Eine relativ vorhersehbare Pointen-SF-Geschichte, die unbeirrbar auf den nur allzu logischen Schluß hinarbeitet. Ein netter Einstieg.

Vincent Voss : Kill, Kill !
Ein Mann kann anderen Erinnerungen nehmen und lässt sich gut dafür bezahlen. Diese Erinnerungen bleiben in seinem Kopf – was einen Auftragskiller auf den Plan ruft ...
Ganz witzige Geschichte mit relativ viel Tiefgang. Vincent Voss beleuchtet rein aus dem Dialog heraus die Tragik des Mutanten, ich fand die Story sehr elegant.

Arno Endler : Warum die Toten nicht schweigen
Nach der Apokalypse vegetieren die letzten Kinder vor sich hin. Doch die letzte Tsunami-Welle kommt bestimmt ...
Sehr stimmungsvolle Endzeitgeschichte. Wie schon andere Stories von Arno Endler ist sie ziemlich böse und deprimierend, ausgehend von einem leicht absurden, aber höchst kreativen Setting kommt es folgerichtig zur finalen Katastrophe. Stilistisch super, aber inhaltlich ist mir persönlich das hier zu deprimierend.

Arno Endler : Warum es geschah, wie es geschah ?
Der Präsident wurde aus dem Ruhestand geholt, weil plötzlich überall auf der Erde mannshohe Eier auftauschen. Als der Große Friedfertige umarmt der Präsident das Ei und sendet positive Gedanken. Ob das die Invasion stoppt ?
Auch hier : Sehr stimmungsvoll, stark deprimierend und ziemlich böse. Allerdings ist der Topos uralt, siehe etwa "The stupid General". Aber ich finde den Transport in die Moderne sehr gelungen und die mehr an der Phantastik und weniger an der SF orientierte Geschichte ungemein lesbar.

D. J. Franzen : Get the Funkt out
Die Toleranzbehörde nivelliert auf der Oberfläche alles und jeden, Spaß ist ein Grund, denjenigen in ein Toleranzlager zu schicken. Nur im Untergrund gibt es noch Bücher, Religion, Musik und Kreativität.
Ein bissiger Kommentar zu den rot-grünen Gutmenschen und ihrer Intoleranz Andersdenkenden gegenüber. Selten etwas gelesen, das so präzise auf den Punkt geschrieben ist. Eine sehr gelungene Absage an die Anti-Genußmenschen.

Gabriele Behrend : Die Liebesmaschine
Katja erledigt die Wartung eines Hochhauskomplexes. Die Hochhaus-KI "Spex" hilft ihr dabei. Und irgendwann verliebt sich Katja in Spex. Die Ki sieht da nur noch einen einzigen Ausweg ...
Schön erzählt, hat mir ausnehmend gut gefallen. Gabriele Behrend stellt in ihrer Story deutlich dar, daß Liebe etwas ganz anderes als Sex ist. Unaufdringlich schildert sie, wie sich die Beziehung zwischen einem Menschen und einer Künstlichen Intelligenz mehr und mehr vertieft, bis sich die Grenzen verwischen. Und wie das Erste Asimovsche Gesetz zwangsläufig für einen der beiden zu einer Katastrophe führt. Wie gesagt, eine sehr schöne, leise und hochintelligente Geschichte, weitab vom üblichen "Die Welt ist ja sooo Scheiße"-Gejammer. Ein Glanzlicht dieser Anthologie.

Marianne Labisch – Dave lacht
Menschen und Androiden leben zusammen, heiraten und bilden insgesamt eine Gesellschaft. Aber auch da gibt es Außenseiter, die mit Vorliebe andere quälen ...
Nicht schlecht, aber meiner Meinung nach etwas unentschlossen. Irgendwie scheint sich die Autorin nicht sicher zu sein, auf welche Fakten sich die Story konzentrieren sollte. Ein vielleicht etwas plakatives, trotzdem aber gelungenes Statement gegen Fremdenhaß.

Frederic Brake : Geldscheinheilig
"Tausend Jahre haben offenbar nicht gereicht, aus dem unbeherrschten, unbedachten Wesen Mensch einen Homo oeconomicus zu machen."
Ein gelungener, bitterböser Kommentar zu den aktuellen Tendenzen weltweit, alles nur unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlichen Nutzens zu sehen und das Leben an sich zu vergessen. Unprätentiös und unaufgeregt erzählt und dargestellt, eine wirklich bemerkenswerte Geschichte.

Frederic Brake : Das Ereignis
"Mit uns Alten kann man es ja machen", dachte Thomas Becker – bis es zur Katastrophe kommt ...
Ebenfalls bitterböse wird die kapitalistische Gesellschaft der Gegenwart, die Ältere und Alte als weder formbar genug noch ausreichend gesellschaftsrelevant beurteilt, karikiert, indem diese Denkweise in einer Gesellschaft der Zukunft auf die Spitze getrieben wird. Eine Gesellschaft, in der "die Schwefelkonzentration heute nur fünf Prozent beträgt, auch weiterhin die Warnstufe 3 gilt" und alle Menschen schön zuhause bleiben sollten. Ebenfalls bemerkenswert, insbesondere wegen der langsamen, dem Alter des Protagonisten angepassten Erzählweise.

Axel Kruse : Monster
Ein Mensch des Raumfahrtzeitalters landet auf einer mittelalterlichen Welt und rettet den Jungen Ham vor den Härten seines Zeitalters.
Uralter Plot, Standard-Setting, Story vorhersehbar – und trotzdem ist "Monster" nicht langweilig. Axel Kruse gelingt es, eine altbekannte, ja altbackene Geschichte so zu erzählen, als wäre sie frisch und neu. Nix, was irgendwelche Preise gewinnt, nix, was dem Leser aufgrund der Story länger im Gedächtnis bleibt, aber ein echt gelungenes Stück Unterhaltung. Axel Kruse hat sich meiner Wahrnehmung nach in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt, ich bin einmal gespannt auf seine nächsten Werke.

Sven Klöpping : Pornograffititties
Ein überdeutliches Statement von Sven Klöpping zum Thema Sex. In einer Welt ein paar Jahre von uns weg entdeckt der namenlose Held der Geschichte, daß echter Sex menschliche Wärme braucht. Sehr plakativ bringt der Autor dies in seinen letzten Worten zu Papier, was der Aussage allerdings nichts von ihrer Ehrlichkeit und der Frische nimmt, mit der Sven Klöpping sie zum Leser transportiert. Lesenswert.

Achim Stößer : Bug-Eyed Monster : First Kiss
Mildred will sich umbringen, klettert auf ein Hochhaus, wird von einem Alien entführt und bringt sich dann doch um.
Sehr stimmungsvoll und ziemlich abgedreht. Mir ist nicht so ganz klar, was mir der Autor mit dieser Geschichte sagen will, sie liest sich in jedem Fall sehr flüssig und ich persönlich fand sie auch irgendwie amüsant.

Tedine Sanss : New York, über den Dächern
Eine Liebesgeschichte aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs zwischen einer weißen Oberschichtselevin und einem schwarzem Zeichenlehrer.
Kitsch pur, allerdings mit einem bitterbösem Ende, das der Realität ihren Tribut zollt. Keine SF, keine Phantastik, eine reine Liebesgeschichte vor historischem Hintergrund. Ich persönlich fand sie gut, auch wenn ich das Thema etwas sehr trivial empfunden habe.

Christian Künne : Susie pas d'amor
Eine sehr düstere Geschichte um Gewalt und eine Stadt, deren Sinn mir ferngeblieben ist. Allerdings sehr stimmungsvoll geschrieben.

Arndt Waßmann : He-Man Woman Hater
Henry Gerring ist von seiner Frau verlassen und ausgenommen worden. Er meint jetzt, sich an allen Frauen rächen zu müssen und wird ein auf Frauen spezialisierter Sklaveneinfänger. Als er gefangen wird, gibt es nur einen Häftling, der ihm helfen kann – doch der ist ausgerechnet weiblich ...
Nette, vor sich hinplätschernde Geschichte, stilistisch und von der Stimmung her schön erzählt. Aber doch recht vorhersehbar, die Charaktere sind schon etwas eindimensional.

Galax Acheronian : Das Liebeslied
Vom Kampf der Menschen, Zigra und ihren intelligenten Schiffen gegen die Drahn.
Eine sehr simple Geschichte mit einigen intelligenten Wendungen. Aber sehr schön und einfühlsam erzählt, daß dem Leser (mir zumindestens) die Simplizität nichts ausmacht, man im Gegenteil eben durch diese Einfachheit die generierte Stimmung um so besser genießen kann. Auch dies eine Geschichte aus der Kategorie "nicht preiswürdig, aber unbedingt lesenswert".

Enzo Asui : Personal Coaching
"Präsenz prägt eine erfolgreiche Karriere mehr als inhaltlicher Erfolg. Zeigen Sie Anwesenheit, nicht Leistung. Investieren Sie Zeit in Netzwerke, nicht in Aktenstudium."
Soviel zu dem weiblichem Coach, der vor einer Gruppe von Managern spricht und sie im nachhinein als Personal Coach mit Rute und Gerte züchtigt. Ein schönes und präzise gezeichnetes Bild der heutigen deutschen Manager mit einer gehörigen Portion Biß.

Fazit : Mir persönlich hat diese Anthologie ausnehmend gut gefallen. Selbst wenn ich nicht jede Geschichte gleich gut fand, so bleibt das Niveau doch angenehm hoch. Es macht Spaß, die einzelnen Stories zu lesen – und die Innenillustrationen zu betrachten. Denn nicht nur Autoren, auch Illustratoren haben sich hier ausgetobt, um Michael Haitel zum zehnjährigen Bestehen seines Verlags zu gratulieren. Wie dieser entstand, schildert My im Nachwort, sehr persönlich und dynamisch, wie man es von ihm gewohnt ist. Ich habe das Buch hier im Hardcover vorliegen, das Lesen hatte neben dem intellektuellen auch einen gwissen haptischen Reiz. Von dem Kaliber Kurzgeschichtenband hätte ich gerne mehr, hier zeigt sich einmal mehr das hohe Niveau zeitgenössischer deutscher SF.

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