Freitag, 17. Oktober 2014

TERRA SF 470/471 - Robert A. Heinlein : Von Stern zu Stern

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Robert A. Heinlein : Von Stern zu Stern (Time for the Stars)
Terra SF 470/471, 22.07.1966
(ungekürzter) Nachdruck des gleichnamigen Leihbuchs von 1957
Originalausgabe 1956
Aus dem Amerikanischem von Kurt Seibt
Titelbild : Johnny Bruck


"Sehe jeder, wo er bleibt", heißt die Devise im Hause der kinderreichen, doch nicht mit Glücksgütern gesegneten Familie Bartlett, und so besinnen sich auch die jugendlichen Zwillinge Tom und Pat nicht lange, als die GEFUP mit einem verlockenden Angebot an sie herantritt: diese Gesellschaft, die Fackelschiffe auf jahrzehntelange Weltraumfahrten schickt, um neue Planeten zur Besiedlung durch die Erde ausfindig zu machen, stellt Tom und Pat als Nachrichter ein.

Einer von den Zwillingen, in diesem Falle Tom, fährt im Weltraumschiff mit, der andere, Pat, bleibt auf der Erde zurück. Es ist Aufgabe dieser beiden und der andern verpflichteten Zwillingspaare, die Verbindung zwischen Schiff und Erde aufrechtzuerhalten, indem sie die zu übermittelnden Nachrichten durch Gedankenübertragung an den andern Zwilling weitergeben, da auf derart weite Entfernungen der Funkverkehr ausfällt.

Heinlein führt uns hier auf höchst witzige Weise vor, was geschieht, wenn die Zeit Purzelbäume schlägt - wie sie es ja tatsächlich tut, wenn man sich erkühnt, den Heimat-planeten zu verlassen. So kommt es, daß Tom gegen Ende der Raumreise noch ein junger Mann ist, während sein Zwilling Pat auf der Erde schon in den Neunzigern steht.

Welche denkwürdigen Abenteuer der ebenso nichtsnutzige wie liebenswerte Tom auf seinem geliebten Schiff "Else" erlebt - dies nachzulesen, ist ein ausgesuchtes Vergnügen, das sich weder jugendliche noch bejahrte Leser entgehen lassen sollten.
Klappentext der Gebr. Weiss-Ausgabe

Im Jahr 2200 ist da Problem der Überbevölkerung auf der Erde noch immer nicht gelöst. Um in andere Sonnensysteme vorzudringen und dort nach kolonisierbaren Planeten zu suchen, wird ein Dutzend Raumschiffe gestartet, Raumschiffe, die nahezu Lichtgeschwindigkeit erreichen. Doch hierbei ist es nicht mehr möglich, Funkkontakt zur Erde und zwischen den Schiffen aufrechtzuerhalten.

Für die Kommunikation werden telepathisch veranlagte Zwillinge eingesetzt. Man hat festgestellt, daß telepathische Kommunikation ohne Zeitverzögerung abläuft - eine Erkenntnis, die die gesamte Physik in ihren Fundamenten erschüttert.

Im System Tau Ceti entdeckt die "Lewis und Clark" den Planeten Constance. Er weist erdähnliche Bedingungen auf und wird von keinen intelligenten Lebewesen bewohnt. Deshalb wird er zur Kolonisation freigegeben.

Das nächste Ziel ist das System Beta Ceti. Der Planet Elysia scheint zunächst optimale Bedingungen zu bieten. Doch dann tauchen aus dem Ozean des Planeten unheimliche Wesen auf.
Klappentext der HEYNE-Ausgabe von 1984

Zwanzig Jahre hat es gedauert, bis dieser Heinlein-Jugendroman nach der TERRA-Ausgabe wieder aufgelegt wurde. In dieser Zeit habe ich diese beiden Hefte in meiner Sammlung gehabt, über lange Jahre die einzige erreichbare Quelle für diesen Roman. Im Gegensatz zu anderen Heinlein-Romanen ist er als Ego-Shooter, aus der Perspektive von Tom erzählt. Sehr direkt, sehr kindlich, und doch nicht trivial. Auch einer der Romane, die ich mindestens einmal im Jahrzehnt lese, er nimmt einen schon von der ersten Zeile an gefangen. Ganz davon abgesehen habe ich etwas über für Coming-of-Age-Romane und dieser Heinlein gehört in diesem Subgenre durchaus sehr weit nach oben.

Und wie so üblich bei den Heinlein-Jugendbüchern hat der Autor hier einiges an nachdenkenswerten Details eingestreut. Etwa, das die Erde überbevölkert ist und Solidarität unter den Menschen herrscht. Denn in diesem Heinlein-Roman wird jeder gleich behandelt, jeder hat gleich wenig Platz. Ganz im Gegensatz zur tatsächlichen und damals schon absehenden Entwicklung, in der die eine Hälfte der Welt in menschenunwürdigen Behausungen lebt und die andere im übermäßigem Luxus. [Das ist eine ziemlich linksradikale Position für einen als rechtsradikal apostrophierten Autor, nicht wahr?] Im letzten Kapitel ist Tom erschüttert von der Lasterhaftigkeit der Frauen auf der Erde, die er nach einem Jahrzehnte dauerndem Dilatationsflug wiedersieht : Die jungen Frauen "laufen herum, ohne irgend etwas auf dem Kopf, nicht einmal ganz oben drauf - ganz barhäuptig wie ein Tier!" Erstens möge man sich einmal die Mode auf dem Raumschiff vorstellen, wenn das eine erste Reaktion auf aktuelle Mode ist. Und zweitens ist dies ein bissiger Kommentar zu den "die heutige Jugend" bejammernden, verknöcherten Alten.

Jo Walton hat auf Tor.com auch dieses Buch besprochen und eine wie ich finde ziemlich scharfsinnige Bemerkung dazu gemacht :

If Time For the Stars had been written now, it would have been a different book in almost every way. It wouldn’t have had that exploitative attitude to the galaxy. Earth would be dying because of global warming and pollution, not simple over-population. The book would be four or five times longer, with much more angst. The focus would be on relationships, not on adventure. The section on Earth before Tom leaves would be about the same length, but everything else would be much longer. The actual adventures on other planets would take up a lot more space—Inferno wouldn’t be left out. There would be more sex, and it would be treated in a very different way. The telepathy thing would also be treated entirely differently. The Long Range Foundation who send the ships out would be evil, or at least duplicitous. The odd incestuous relationship between Tom and his great-great-niece Vicky would be more explicitly sexualised at long distance and contain more angst. There would be far more description—there’s almost no description here except as is incidental to character. I’d read it, but I probably wouldn’t keep coming back to it.
[...]
There are any number of reasons, some fashion, some politics, some attitudinal, some stylistic, why you wouldn’t get this book written today. But there it is in print, more than fifty years after publication, and it’s still deeply readable and I’m still very fond of it.
Jo Walton auf tor.com

Besser als im letzten Absatz kann man auch mein Resumee zu diesem Roman nicht zusammenfassen.

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