Dienstag, 3. Mai 2016

Phillip P. Peterson : Paradox - Am Abgrund der Ewigkeit



Phillip P. Peterson : Paradox - Am Abgrund der Ewigkeit
Bastei Lübbe 2015
Neuausgabe
Taschenbuch, 478 Seiten, 9,99 €
Titelbild : ?
ISBN 9783404208432


EINE REISE ZU DEN STERNEN - ERFÜLLUNG EINES MENSCHHEITSTRAUMS ODER ALBTRAUM DER MENSCHHEIT?

Ed Walkers letzte Mission endete beinahe in einer Katastrophe. Zwar konnten er und seine Crew sich retten, doch nun fürchtet er, als der Astronaut in die Geschichte einzugehen, unter dessen Kommando die Internationale Raumstation ISS zerstört wurde. Daher kann er sein Glück kaum fassen, als er die erste bemannte Weltraummission an den Rand des Sonnensystems anführen soll.

Mit an Bord ist auch der junge Wissenschaftler David Holmes, der das mysteriöse Verschwinden dreier Raumsonden untersucht. Doch als das Raumschiff den interstellaren Raum erreicht, lautet die wichtigste Frage der Menschheit nicht mehr: Sind wir allein im Universum? Sondern: Sind wir bereit für die Wahrheit?
Klappentext

ACHTUNG, SPOILER !

Tja, das wird kein spoilerfreier Kommentar, wie mir a.a.O. gesagt wurde, hätte ich diese meine Meinung gefälligst gut zu begründen. Im Gegensatz zu den euphorischen Kommentaren anderswo finde ich diesen Roman nämlich ziemlich ...suboptimal.

Allerdings bezieht sich diese meine negative Meinung nur auf das Inhaltliche und explizit nicht auf das Stilistische. Der Peterson schreibt nämlich ziemlich gut und flüssig, das Buch habe ich – auch weil ich neugierig auf die Auflösung am Ende war – in einem Rutsch innerhalb weniger Stunden durchgelesen. Von daher bin ich mal auf seine nächsten Romane gespannt – die hoffentlich inhaltlich hochwertiger sind.

Denn inhaltlich ist "Paradox" schlicht und einfach Schrott.

Das war mir allerdings schon bei der Leseprobe klar. Denn die dort beschriebene Situation aus der Geschäftswelt kann sich nur jemand ausdenken, der von solchen Selektionsmechanismen keine Ahnung hat und irgendwo im Elfenbeinturm sitzt. Da ist ja jeder Scheer realistischer. Der Autor hat weder Ahnung von den Verwaltungsmechanismen, mit denen genau diese Vorfälle verhindert bzw. vertuscht werden (siehe "Challenger"), noch kennt er sich in politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen und Aktionen aus. Sehr naiv und, mit Verlaub, ziemlich dumm.

Aber egal, ignorieren wir den dilettantischen Anfang und lesen weiter. Eine ganz fiese Intrige der NASA-Leitung und des Centauri-Managements wird durch eine untergeordneten Psychologen zunichte gemacht. Selten so etwas Kindisches gelesen, seitdem die SF sich in den 60er Jahren weiterentwickelt hat. Viel billiger Tech-Talk, sehr detailliert, nur für Leute, die die SF der letzten 50 Jahre verschlafen haben, interessant. Simple Trivialliteratur, gegen die "Perry Rhodan" literarisch ist.

Aber das Ende sollte ja noch so einen genialen Twist enthalten. Lesen wir also weiter...

Nach einer popeligen und oberflächlichen Darstellung eines halbjährlichen Raumfluges, bei der die vier Raumfahrer auf kleinstem Raum zusammengepfercht wurden, erreicht man die Grenze des Sonnensystems. Die "tolle" Auflösung ist eine 08/15 Dyson-Sphäre, errichtet von geistig aus dem Ruder gelaufenen Nano-KIs. Und am Ende bleibt alles beim Alten. Oh, Mann ! Hier werden irrsinnige Nano-KIs gezeigt, die das Universum zu seinem eigenen Besten in Schutzhaft nehmen. Geht's noch ? Diese wahnsinnigen und vollkommen aus dem Ruder gelaufenen KIs, die nach dem Motto "Daddy knows best" die Erde und diverse andere Planeten mit intelligentem Leben unterjochen, werden weder als negativ dargestellt noch wird die Absurdität ihrer "Wir retten ja nur das Universum"-Attitüde in ihrer indiskutablen Gänze klar negativ gezeigt, stattdessen wird am Ende ein Reset nach dem Motto "Ist schon alles richtig, was die KIs tun, die Menschheit ist ja so böse" gemacht.

Das ist krank, inhaltlich fragwürdig und unmotiviert. Aber selbst wenn man das als Lösung akzeptiert : Was ist die Konsequenz ? Nix. Reset auf Null. Alles bleibt, wie es ist, der Autor propagiert eine "transzendente Lösung". Hat eigentlich keiner gemerkt, daß dies exakt die Ansicht der Sklavenhalter der Südstaaten vor der Rezession ist ? Wie man ein derartiges Werk, das den Freiheitsgedanken und die Eigenverantwortung mit Füßen tritt, für einen literarischen Preis nominieren kann, ist mir schleierhaft. Kommt als nächste Nominierung dann so etwas wie "Stahlfront" ?

Ich habe nix gegen Baller-SF und lese die auch manchmal ganz gerne. Aber derartig inhaltlich trivial, wie sich Paradox, habe ich seit Jahrzehnten nix mehr gelesen. Und ich muß mich auch bei Bernd Perplies entschuldigen, seine Frontiersmen-Spacewestern sind um Klassen besser als dieser Trivialkram, das kam vielleicht in meinem Kommentar nicht so deutlich rüber. Perplies ist wenigstens nicht naiv, und allein schon die Naivität wirtschaftlicher und politischer Abläufe hätte jedem, der in diesen Bereichen auch nur reingeschnuppert hat, sagen müssen, daß Paradox dilettantische Klein-Fritzchen-SF ist.

Vielleicht habe ich etwas mehr an deutscher SF gelesen als die meisten heutigen SF-Fans und deshalb einen ziemlich guten Überblick, welche "Innovationen" bereits vor 40 Jahren schon einmal da waren. Aus diesem Blickwinkel kann ich nur sagen, daß Scheer, Darlton und Brand – um nur ein paar zu nennen – realistischere Situationen und psychologisch fundiertere Charaktere beschrieben haben als sie im gesamten Roman von Peterson vorkommen. Und was das "technisch versierte" angeht, das dieser Roman angeblich enthalten soll : Wenn ich Tech-Talk lesen will, schnappe ich mir ein Fachbuch und nicht die unqualifizierten Ausführungen eines Möchtegern-SF-Schriftstellers. Ganz davon abgesehen, daß derartige Kindereien selbst bei Scheer nur in deutlichst reduzierterer Form vorkommen. Selbst dort !

Insgesamt sehe ich "Paradox" als Trivialroman auf dem Niveau des letzten PR-Heftchens (und entschuldige mich bei KNF für diese Abqualifizierung seiner Serie, dies dient nur der Emphase und ist keine Wertung von PR, im Gegenteil, PR ist inhaltlich diesem Möchtegernpreisträger um Klassen überlegen), aber kein Vergleich zu den soziopolitischen Daxxel-Romanen eines Dirk van den Boom, den tiefsinnigen Werken eines Frank Haubold oder der gelungenen humoristisch-erotischen Space Opera eines Guido Krain. Ein echter Reinfall, um Klassen schlimmer als die Entäuschung beim Brandhorst, selten so etwas Mißlungenes gelesen. Warum ein derartiger Quark von allen Seiten gehypt wird, ist mir schleierhaft.

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