Donnerstag, 27. März 2014

TERRA SF 031 - K. H. Scheer : Die Fremden


Karl Herbert Scheer : Die Fremden
Terra SF 031, 26.09.1958
gekürzter Nachdruck des gleichnamigen Leihbuchs von 1957
Titelbild : Johnny Bruck


Es waren Wissenschaftler, Raumpiloten, Fanatiker und Verzweifelte, die mit dem modernsten Fernraumschiff der Erde starteten. Es waren Menschen, doch als einige von ihnen zurückkamen, waren sie Fremde. Sie hatten viel riskiert, aber sie gewannen nur, um anschließend zu verlieren. Es gab niemanden an Bord des Schiffes, der nicht gewußt hätte, wie der neue Ultra-Quant-Antrieb funktionierte, doch eines Tages standen sie staunend und unwissend vor dem Fahrzeug, mit dem sie den gewaltigen Sprung gewagt hatten. Von da an wußten sie nicht mehr, wie die Triebwerke zu bedienen waren ... jene Triebwerke, die sie aus dem bekannten Raum in ein vollständig fremdes Universum geschleudert hatten. Dort wurden sie zu den Wesen, die man später als "Fremde" bezeichnete.

Der vorliegende Roman "Die Fremden" ist so ungewöhnlich, so unglaublich faszinierend und überraschend, daß uns die rechten Worte fehlen, den Inhalt andeutungsweise zu schildern. Wir, als gut orientierte und gewissenhafte Verleger, haben aber erkannt, daß unser deutscher Spitzen-Schriftsteller K. H. Scheer etwas geschaffen hat, das man nur als "Werk" bezeichnen kann. In der Handlung ist der amerikanische Science-Fiction-Stil mit der deutschen Art der gewissenhaften technischen Schilderung so meisterhaft verknüpft, daß es auch einem versierten Leser schwerfallen wird, eine genaue Trennungslinie zu ziehen.

K. H. Scheer erklärt in verständlicher und durchaus nicht unglaubwürdiger Form, daß es außer dem bekannten Universum mit unserer Milchstraße auch noch andere Universen geben muß, da ein Raum nicht unendlich sein kann. Absolut fremde Wesen werden so meisterhaft geschildert, daß der Leser ihren selbstverschuldeten Untergang plastisch vor Augen sieht. Es wird auch erklärt, was jene aussterbende Rasse unternahm, um neues Leben zu erschaffen. Es tauchen Sonnen und Planeten auf, die nicht zu unserem bekannten Universum gehören und deshalb anderen physikalischen Gesetzen unterliegen. Die technischen Daten sind logisch angeführt und ausgefeilt, was den orientierten Leser nicht überraschen wird. Dafür bürgt der Name unseres Autoren. Sie erleben Wunder, technische Großtaten, psychologische und philosophische Momente, die in unserem Universum mit seinen bekannten Gesetzen nicht möglich sein könnten. Wir sind davon überzeugt, daß K. H. Scheer ein Werk geschaffen hat, das eine neue Aera in der deutschen utopischen Literatur einleiten wird.

Sie starteten als Menschen, doch als einige von ihnen zurückkamen, waren sie Fremde ... !
Klappentext des BALOWA-Leihbuchs

Ein früher Scheer, der einige interessante Aspekte enthält.

Die lange Exposition, bevor es zu der eigentlichen Handlung kommt, ist fast schon Scheerscher Standard. Sein Protagonist, Don Hamer, ein Rauschgiftsüchtiger, der sich allein durch Willenskraft von der Droge gelöst hat und doch von ihr gezeichnet ist. Er wird wieder in den Dienst der Flotte gepresst und auf ein Himmelfahrtskommando geschickt. So weit, so gut, das ist eben typisch Scheer. Untypisch ist die tödliche Gewalt, mit der er sich zu Anfang des Fluges seines Aufpassers erledigt, diese Brutalität ist für KHS ungewöhnlich. Aber es scheint ein Ausrutscher zu sein, der restliche Roman ist deutlich weniger extrem. Um so mehr allerdings fällt diese Passage auf.

In der Folge entwickelt sich Don Hamer zu einem der typischen KHS-Helden, die heutzutage als "Übermensch" bezeichnet werden. Die Führungsqualitäten, die KHS hier einem ehemaligem Rauschgiftsüchtigen zuweist, halte ich allerdings für übertrieben, sie passen nicht zur Biographie des Protagonisten. Nicht übertrieben sind die Führungsqualitäten an sich, die man eben nicht während eines BWL-Studiums vermittelt bekommen kann. Aber sie passen zu Don Hamer eben nicht so richtig.

Anyway, die "Hyperspace" kommt in ein anderes Universum und muß sich dort den letzten Überlebenden einer extrem kriegerischen Rasse stellen. Der Angriff dieser Wesen ebenso wie die Abwehr durch die Menschen der "Hyperspace" geschieht aber relativ friedlich, es ist weniger ein brutales Aufeinanderschießen, als mehr ein Kampf der Intelligenz, bei der die Menschen durch geschickte Schachzüge die Aliens zurückdrängen und von ihrem Planeten fliehen können. Keine Rache, kein Garnichts, sie fliegen einfach weg.

Keine Rache, kein Kanonengedonner ? Das scheint nicht so richtig zu "Handgranaten-Herbert" zu passen. Und doch ist es eines der typischen Merkmale seiner besseren Romane, daß Gewalt genau und nur zur Verteidigung eingesetzt wird. Hier, in "Die Fremden" ebenso wie bei "Der Verbannte von Asyth", "Die Großen in der Tiefe" oder in "Die Männer der Pyrrhus", um nur ein paar Beispiele zu nennen. "Wehrhaft-pazifistisch" nennt Thomas Harbach diese Darstellung, die viele von Scheers Romanen und deutlich die "Perry Rhodan"-Serie durchzieht. Man denke nur an die ersten 100 Hefte, in denen PR und die Terraner sich mit List und Intelligenz gegen den übermachtigen Robotregenten auf Arkon behaupten.

Jedesmal, wenn ich einen der frühen Scheer-Romane lese, frage ich mich, was er noch alles geschrieben hätte, wenn er sich nicht so intensiv mit "Perry Rhodan" beschäftigt hätte. Natürlich ist PR eine überragende Leistung gewesen, die Serie lebt nach einem halben Jahrhundert immer noch und die frühen Scheerschen Zyklen haben immer noch ihre Fangemeinde. Von daher hat KHS mit PR einen wirklich gewaltigen Beitrag zur deutschen SF geleistet. Aber wenn ich mir so einige andere Romane von ihm ansehe, speziell die oben genannten, dann frage ich mich, was er noch alles geschrieben haben könnte ...

Kommentare:

  1. Erst einmal vorweg, ein Scheer Roman der mir gefallen hat und den ich mein Prädikat GUT gebe.
    Denn auch ich Bewerte jeden von mir gelesenen SF Roman.
    Die Rezension irritiert mich allerdings völlig. Wie heißt es da -
    "Keine Rache, kein Garnichts, sie fliegen einfach weg"

    Mal ein kleiner Auszug der letzten Seite:
    "Mehr als zwei Kilometer war der glutflüssige Krater, der von dem Kohlenstoff-Sprengsatz der Rakete gewühlt wurde. In ihm verschwand alles, was zur letzten Station der Bool gehört hatte"

    Also die völlige Vernichtung der Bool (es gab nur noch 4 davon) mitsamt 22 ehemaligen Menschen, die durch Umformung zu Bools geworden sind !!!
    Tatsächlich fliegt die Hyper-Space einfach weg - nach der Ausrottung der Bool vom Planeten Boolar.

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  2. Nun, die Bols haben weiter angegriffen und nicht locker gelassen. Sie wollten Hamer und seine Männer in ihre Gewalt bringen. Es ist nur natürlich, sich dagegen zu wehren.

    "Keine Rache, kein Garnichts, sie fliegen einfach weg" - Don Hamer und seine Leute gehen eben nicht zum Gegenangriff über, um die Umgeformten zu rächen, sondern flüchten. Dies ist bemerkenswert, denn die Prä-Borg sind schon ziemlich grausam den Menschen gegenüber. Daß KHS sich entschloß, die Menschen fliehen zu lassen, ohne - wie etwa in den ZBV-Romanen öfter geschildert - noch eine zeitgesteuerte Atombombe dazulassen, ist meiner Meinung nach schon typisch für diesen Roman. Das meine ich mit dem obigen Satz.

    Das bedeutet jedoch nicht, daß man sein Schicksal gottergeben in Kauf nimmt. Die Bool griffen weiter an, die Menschen schossen zurück. Damit muß man als Agressor rechnen, das ist die wehrhaft-pazifistische Einstellung, von der ich oben schrieb. Das ist aber etwas gänzlich anderes als Rache oder ein Gegenangriff.

    Man sollte auch bedenken, in welcher Zeit der Roman geschrieben wurde. 1957, 12 Jahre nach Kriegsende, die Unmenschlichkeit des Nazi-Regimes wurde langsam immer deutlicher. Mir ist nicht klar, inwieweit dies in Scheers Romane mit hineinspielt, deshalb habe ich das oben nicht angesprochen. Persönlich halte ich die doch eher reaktive Einstellung von Scheer allerdings für richtig - wahrscheinlich habe ich deshalb den von Dir zu Recht monierten Teil nicht deutlich genug ausgeführt.

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