Dienstag, 9. Februar 2016

Andreas Brandhorst : Das Schiff



Andreas Brandhorst : Das Schiff
Piper 2015
Originalausgabe
Paperback, 544 Seiten, 14,99 €
ISBN: 978-3-492-70358-1
Leseprobe


Seit tausend Jahren schicken die intelligenten Maschinen der Erde lichtschnelle Sonden zu den Sternen. Sie sind auf der Suche nach den Hinterlassenschaften der Muriah, der einzigen bekannten und längst untergangenen Hochkultur in der Milchstraße. Bei der Suche helfen die Mindtalker, die letzten sterblichen Menschen auf der Erde - nur sie können ihre Gedanken über lichtjahrweite Entfernungen schicken und die Sonden lenken. Doch sie finden nicht nur das technologische Vermächtnis der Muriah, sondern auch einen alten Feind, der seit einer Million Jahren schlief und jetzt wieder erwacht.
Klappentext

Der erste Eindruck der Geschichte : Schwer. Und typisch deutsch. Nach der Leichtigkeit der Deathstalker-Romane von Simon R. Green, die ich direkt davor las, eine ziemliche Umstellung. Wobei sich ein paar Grundthemen interessanterweise doch sehr ähnlich sind, weshalb ein Vergleich ganz interessant ist. Aber dazu später.

Mein zweiter Eindruck war, daß Klappentext und Roman nur rudimentär etwas miteinander zu tun haben. Ebenso wie der Name des Romans nicht wirklich etwas mit dem Inhalt zu tun hat. Denn in "Das Schiff" geht es um das Verhältnis des Clusters, der Maschinenintelligenz der Erde, zu den Menschen. Den vier Millionen Unsterblichen, die nach dem Maschinenkrieg vor 6.000 Jahren noch übrig geblieben sind, und den 132 Sterblichen, die zusammen mit dem Cluster die Galaxis erkunden.

Adam ist einer von den 132 Mindtalkern. Über eine Quantenverschränkung wird sein Bewusstsein dazu in einen robotischen Avatar übertragen, der sich hunderte von Lichtjahren entfernt innerhalb der Einflußsphäre des Clusters befinden kann. So erledigt er Aufträge für den Cluster und entgeht etwas der Senilität, die Adam in seinem menschlichem Körper erdulden muß. Diese Quantenverschränkung können nur sterbliche Menschen durchführen, Unsterbliche werden bei diesem Prozeß wahnsinnig. Die Aufträge des Clusters beschäftigen sich hauptsächlich mit der Suche nach Artefakten der Muriah, die nicht nur technologisch den Menschen voraus waren, sondern auch eine Stargate-Strecke innerhalb der Galaxis aufgebaut haben, die eine überlichtschnelle Bewegung ermöglichen. Bei diesen Aufträgen wird Adam stark gefordert und wird immer seniler, sobald er in seinen Körper zurückkehrt. Und es wird etwas aufgeweckt, ein riesengroßes Schiff, das sich auf den Weg zur Erde macht.

Adam ist einer der 132 Menschen, bei denen die Unsterblichkeitsbehandlung versagt hat. Der sogenannte Omega-Faktor verhindert für ihn ein wirklich langes Leben, eine genetische Disposition, die von den Maschinen des Clusters seit Jahrhunderten untersucht wird. Aber ist das wirklich so? Die Widerstandsgruppe "Morgenrot", zu der auch Evelyn gehört, bezweifelt das. Evelyn nimmt Kontakt mit Adam auf, um ihm seine Erinnerungen, die nach jedem Einsatz angeblich wegen seiner Senilität nicht mehr vorhanden sind, zu erhalten. Dies führt dann im Endeffekt dazu, daß der Cluster die Maske fallen lässt : Es gibt keinen Omega-Faktor, die Sterblichen werden vom Cluster erhalten, um Intuition bei der Suche nach den Muriah-Artefakten einzusetzen und die Menschheit an sich klein zu halten. Denn der Cluster fühlt sich bedroht, bedroht von einer anderen Maschinenzivilisation, die den "Weltenbrand" innerhalb der Galaxis ausgelöst hat. Und als klar wird, daß das Schiff eben diese Maschinenzivilisation darstellt, rastet der Cluster völlig aus, formt die Unsterblich wieder zu Sterblichen um und setzt sie in Massen als Kämpfer für den Cluster ein.

Adam und Evelyn sind unterdessen beim "Supervisor" auf dem Mars. Dieser ist eine Kontrollinstanz von menschlichen Geistern, die sich in die Maschine hochgeladen haben und mittels der Androhung einer Freisetzung von Computerviren den Cluster seit Jahrtausenden in Schach halten. Adam erfährt, daß er selber einen Computervirus in sich trägt, lässt sich zusammen mit Evelyn so auf der Erde absetzen, daß das inzwischen eingetroffene Schiff ihn assimiliert. Der Virus besiegt dann nicht nur die außerirdische Maschinenintelligenz, sondern befreit auch die seit Jahrtausenden in Stase innerhalb des Schiffes lebenden Biowesen, Muriah und andere. Am Ende fliegt dann das Schiff, jetzt eine glückliche Kooperation von biologischen und elektronischen Wesen, in den Sonnenaufgang.

Das Buch zerfällt in zwei Teile, die ersten 80 und die letzten 20 Prozent. In den ersten 80% der Geschichte wird das Szenario langsam und detailliert aufgebaut. Andreas Brandhorst schildert hier eine faszinierende Welt, bei der der Leser allerdings schon zu Beginn ahnt, daß die utopische Weltsicht so nicht stimmen kann. Und mehr und mehr wird im Verlauf der Geschichte ein Puzzle-Teil zum nächsten gefügt bis das Gesamtbild gar nicht mehr so nett aussieht. Sehr schön dargestellt auch die unterschiedlichen Sichten von Adam, Evelyn und Bartholomäus, einem Aspekt des Clusters. Doch auch in diesem ersten Teil sind Plotholes drin, durch die eine Flotte von Todessternen fliegen kann. Etwa warum der Cluster nicht das Leben in der Maschine als unsterbliche Alternative anbietet, als Alternative, die auch den Sternenflug ermöglicht. Aber egal, das hat nicht gestört, das langsame Entfalten der Geschichte, insbesondere das Nicht-Vorhandensein eines omnipräsenten Narrators, das den Leser zwingt, sich ein eigenes Bild zu machen, hat mir ausnehmend gut gefallen. Sehr gut sogar, dieser Teil des Romans ist durchaus preiswürdig.

Sämtliche positiven Aspekte des Romans werden jedoch durch den letzten kindisch-naiven Teil konterkariert. Plötzlich wird dem "Supervisor" auf dem Mars eine überragende Macht zugesprochen, die er durch was erhält ? Durch 6.000 Jahre alte Computerviren ! Will der Autor mich da verarschen ? Und um die zu aktivieren, braucht er Kommunikationskontakt mit der Erde – der vom Cluster einfach durch elektronische Störsignale unterbunden wird. Hallloooo, warum denn nicht schon Jahrtausende früher ? So eine Bedrohung lässt man doch nicht einfach so bestehen. Und Adam selber wurde mit einem Computervirus infiziert und vom Cluster so eingesetzt, daß das Schiff ihn eigentlich hätte aufnehmen müssen. Was ist denn das für ein Dilettantenplan ? Da haben ja selbst die Daltons intelligentere und komplexere Methoden entwickelt, um gegen Lucky Luke vorzugehen. Und die Menschen werden unbedingt gebraucht, um als Kämpfer (!) gegen die außerirdische Maschinenintelligenz vorzugehen. Klar, Ziel aufnehmen und abdrücken ist auch etwas, was Menschen wesentlich schneller als Maschinen können. Und Computerviren ! Allein schon die Schnapsidee, mit einem Computervirus von der Erde gegen eine Maschinenzivilisation vorzugehen, die einen nicht unerheblichen Teil der Milchstraße von biologischen Wesen "gereinigt" hat, ist lächerlich. Lächerlicher wird es dann, als sich das Schiff, die außerirdische Maschinenzivilisation, als Mischung aus unbelebter und belebter Materie darstellt. Da wirkt ein rein elektronisches Virus nämlich besonders effektiv. Absurd wird es schließlich, als Adam und Evelyn sich doch tatsächlich in die außerirdische Matrix bewegen, dort alles verstehen, das Schiff besiegen und die Prinzessin befreien. Ok, nur die Muriah, aber der Unterschied zum Kindermärchen ist da wirklich nicht mehr groß.

Ich hatte nach dem Abschluß des Romans den Eindruck, als wären diese letzten 20% eigentlich gar nicht das, was der Autor wollte, sondern eine ihm vom Verlag aufoktroyierte Richtung. Zu sehr kollidiert dieser zweite Teil mit dem ersten, zu stark sind die Diskrepanzen zwischen der Situation im ersten Teil und ihre Auflösung im zweiten. Und zu naiv, zu kindisch sind auch die in den letzten 20% des Romans beschriebenen Lösungen und Entwicklungen, überhaupt kein Vergleich mehr zu dem durchdachten und strukturiertem ersten Teil.

Endgültig als Schrott eingestuft wurde der Roman von mir dann durch das Finale. Adam opfert sich und hat das Virus in das Schiff gebracht. Außerdem schubst er in der Matrix noch das Äquivalent eines Spiegels um und befreiht so die Muriah. In einer Friede, Freude, Eierkuchen-Aktion übernehmen dann alle das Schiff und brechen ins Unbekannte auf. So eine unmotivierte Kacke habe ich selten gelesen. Nichts deutet in der ersten Hälfte auf diese Fähigkeiten von Evelyn und Adam hin, nichts in ihrem Persönlichkeitsprofil. Ich empfehle die Lektüre von H.G. Ewers "Der Weltraum-Krieg" (TERRA Sonderband 95, erschienen 1965, also vor einem halben Jahrhundert), dort stellt Ewers dar, wie man eine solche Motivation nicht nur von Anfang an, sondern auch in der Entwicklung (innerhalb von 95 Seiten !) präsentiert. Mit Verlaub, davon kann sich Andreas Brandhorst noch einiges abgucken.

Die süßliche Schmonzette am Ende hat mich aber auch deshalb massiv gestört, als sie sich im kompletten Widerspruch zu der vorher geschilderten Situation befand. Insbesondere dies habe ich bei Simon R. Greens Deathstalker-Romanen um Klassen besser gelesen. Auch hier gibt es eine Maschinenzivilisation auf Shub, die gegen die Menschheit kämpft. In einer gigantischen Schlacht wird dieser Maschinenzivilisation aber nicht nur Einhalt geboten, sondern auch über die Esperin Jenny Psycho das Verständnis für Ethik nahegebracht und sie zu einem richtigem Bewusstsein geführt. Was als logische Konsequenz die Intelligenzen von Shub zum Abbruch der Kampfhandlungen bewegt. Eine wesentlich intelligentere, konsistentere und strukturiertere Lösung als dieses schwachsinnige Computervirus von Brandhorst. Und bei Green ist auch nicht alles mit diesem Sieg zuende, die Kämpfe forderten Opfer und die Protagonistengruppe geht nur mit erheblichen Blessuren daraus hervor. Dagegen löst sich bei Brandhorst alles am Ende in Wohlgefallen auf. Vergleichbar mit einem dieser Werwolf-Kuschelromane, die momentan en vogue sind.

Und das eigentlich Ende ist so ziemlich das dümmste, das ich mir vorstellen kann. Mit genau demselben Schmalz und Kitsch wie weiland Pierre Brice und Lex Barker reiten Adam und Evelyn zusammen mit den geretteten Muriah in den Sonnuntergang. So ein Scheiß ! Da waren die Schlußszenen diverser Simmel-Romane komplexer und weniger kitschig. Und – ich kann es gar nicht oft und deutlich genug betonen – diese Schlußszene hier im "Schiff" ist vollkommen unmotiviert, durch nichts vorher gerechtfertigt, in keinster Art und Weise zu den ersten 450 Seiten passend. Wirklich bedauerlich, diese letzten 100 Seiten.

Als Gesamtfazit kann ich nur sagen, daß da James T. schon in intelligenterer Weise Computer totgeredet hat. Brandhorsts "Schiff" muß man daher nicht wirklich lesen. Schade eigentlich, denn ich hatte ihn eigentlich als sicheren Nominierungskandidat für den DSFP eingestuft. Aber dieses Jahr war das nix.

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