Sonntag, 19. Februar 2017

Oliver Henkel : Kaisertag



Oliver Henkel : Kaisertag
Atlantis 2014
Neuausgabe
Originalausgabe BoD 2002
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 366 Seiten, 16,90 €
Titelbild : Timo Kümmel
auch als Paperback und eBook erhältlich


Es ist das Jahr 1988. In Deutschland herrscht Kaiser Wilhelm V., und die Soldaten tragen Pickelhauben. Wer es sich leisten kann, reist mit dem Zeppelin in die Kolonien, während es für alle Übrigen die Platzkonzerte der Militärkapellen gibt. Das ist die Welt des Hamburger Privatdetektivs Friedrich Prieß.

Als ihm Franziska Diebnitz einen Auftrag anbietet, zögert er zunächst. Alles deutet darauf hin, dass ihr Mann sich das Leben genommen hat, aber sie ist davon überzeugt, dass er ermordet wurde. Prieß soll die Wahrheit herausfinden – doch Detektive meiden Leichen, besonders wenn der Verstorbene ein Offizier des allmächtigen Militärgeheimdienstes war.

Schließlich überwindet Prieß seine Bedenken und fährt nach Lübeck, um Nachforschungen anzustellen. Gemeinsam mit seiner früheren Verlobten Alexandra Dühring, jetzt Polizeipräsidentin der Hansestadt, findet er heraus, dass Oberst Diebnitz tatsächlich Opfer eines Mordes wurde. Und diese Entdeckung bringt sie auf die Spur von etwas, wogegen sich ein Mord beinahe harmlos ausnimmt …
Klappentext

"Das Besondere, das viele Romane der Alternate History aus dem phantastischem Durchschnitt hervorhebt, fehlt mir hier bei der "Zeitmaschine Karls des Großen". Von daher durchaus empfehlenswert (meiner Schwiegermutter, die auf Geschichtsschmöker steht, werde ich den noch mal unterjubeln), aber meiner Meinung nach kein unbedingtes Muß. Das bleibt einem anderem Roman von Oliver Henkel vorbehalten..."

...nämlich diesem hier.

Der Jonbar-Punkt von "Kaisertag" ist die mißlungene Ermordung des Erzherzogs Franz-Ferdinand in Sarajewo. Die beiden Weltkriege finden nicht statt, Deutschland ist auch im Jahre 1988 ein Kaiserreich, bestehend aus mehreren unabhängigen Gebieten, "Bundesländer" möchte ich diese eifersüchtig auf ihren individuellen Macken beharrenden Regionen nicht nennen.

Und in diesem Deutschland ist das Militär weiterhin ein starres Gebilde seltsamer Ehrbegriffe, wie sie vor dem Großen Krieg (wie man den Ersten Weltkrieg damals bezeichnete) gang und gäbe waren. Oliver Henkel trifft sehr präzise den Ton der Absurdität, der einem von der Moderne in die Vergangenheit blickendem Menschen unbedingt auffällt. Viel weniger plakativ (jedoch nicht weniger vehement) stellt der Autor die positiven Aspekte eines gemäßigten, Modernisierungen aufgeschlossenen Ehrbegriffs dar, den er in diesem unserem Deutschland offenbar schon vor 15 Jahren vermisste.

In diesem Pickelhauben-plus-Atombomben-Ambiente lässt Oliver Henkel Friedrich Prieß agieren, einen ganz bewusst an Sam Spade angelehnten Bogart-Verschnitt. Anhand aber gerade der Unterschiede des deutschen Privatdetektivs zum amerikanischen Private Eye schildert Oliver Henkel in gelungener Art und Weise die im Vergleich zur Realität primitive Gesellschaft des Kaisertagschen Norddeutschlands. Die beiden Weltkriege und die (damals tatsächlich) revolutionäre Studentenbewegung haben – so sah es zumindestens 2002 aus – ein wesentlich moderneres, freieres Deutschland geschaffen als es in "Kaisertag" beschrieben wird.

Wenngleich der Autor mehrmals die im Kaiserreich indiskutable Stellung der Frau aufs Korn nimmt, wird doch die Primitivität der Gesellschaft in "Kaisertag" noch besser durch die Stellung des Mannes illustriert. Die Zwänge, expliziten und impliziten Ge- und Verbote, unter denen im Kaiserreich überall und zu jeder Zeit gehandelt werden "muß", lassen praktisch eine nicht-traumatisierte Existenz überhaupt nicht zu. Sehr gelungen schildert Oliver Henkel hier eine unfreie Gesellschaft, die durch eben diese Unfreiheit auch kulturell und gesellschaftlich hinter der bundesdeutschen Realität von 2002 zurückgeblieben ist. Das Name Dropping, das der Autor hier mit Genuß zelebriert, unterstreicht dies nur : Loriot ist ein 08/15-Soldat, Willy Brandt ein ebensolcher 08/15-Lokalpolitiker. Und dies sind nur zwei Beispiele aus einer längeren Liste. Viel Spaß beim Selberentdecken. :-)

Insgesamt ein lesenswertes Werk auf dem qualitativen Niveau von "Der 21. Juli". Beides Alternate Histories, beides politische Bücher, die man unbedingt gelesen haben sollte.

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