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Samstag, 28. Mai 2016

Neil Gaiman : American Gods



Neil Gaiman : American Gods
Eichborn 2015
Neuauflage, Deutsche Erstausgabe des "Director's Cut"
Originalausgabe 2001
Paperback, 672 Seiten, 14,- €
Aus dem Angloamereikanischen von Hannes Riffel
Titelbild : Elm Haßfurth
ISBN 978-3-8479-0587-5


Als Shadow aus dem Gefängnis entlassen wird, ist nichts mehr wie zuvor. Seine Frau wurde getötet, und ein mysteriöser Fremder bietet ihm einen Job an. Er nennt sich Mr. Wednesday und weiß ungewöhnlich viel über Shadow. Er behauptet, ein Sturm ziehe auf, eine gewaltige Schlacht um die Seele Amerikas. Eine Schlacht, in der Shadow eine wichtige Rolle spielen wird ...
Eines der meistbeachteten Bücher des letzten Jahrzehnts: eine kaleidoskopische Reise durch die Mythologie und durch ein Amerika, das zugleich unheimlich vertraut und völlig fremd wirkt. Erstmals ungekürzt auf Deutsch und komplett neu übersetzt.
Klappentext

Neil Gaiman ist Jahrgang 1960. Ebenso wie ich. Das erklärt vieles. Wir sind aufgewachsen in einer Zeit, als Amerika sich als Home of the Brave and Land of the Free profilierte, nicht nur in Fernsehserien wie "The Lone Rider", sondern auch in der Tagespolitik. Vielleicht nicht in jedem Detail, vielleicht war das eine viel zu positive Sicht von uns Europäern, vielleicht haben wir vieles übersehen, was wir hätten kritisieren sollen. Aber das ist, was bei Leuten unseres Jahrgangs ankam, daß Amerika das Land der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten ist und immer eine Alternative zu unserer jetzigen Heimat ist. So haben wir damals Amerika gesehen und so muß man auch diesen Roman verstehen.

Denn "American Gods" ist keine Darstellung des Amerika eines Bush, Clinton oder Obama. "American Gods" zeigt das idealisierte Amerika eines John Wayne, Clint Eastwood und Humphrey Bogart. Viele, positive als auch negative Aspekte eines realistischen Amerikas sind in diesem Roman ausgeblendet, Neil Gaiman zeigt, wie es sein sollte, wie Amerika, die Amerikaner und ihre Götter agieren und reagieren sollten. Das bedeutet nun nicht, daß jedes Detail fiktiv ist, im Gegenteil, Neil Gaiman hat sich richtig Mühe gegeben, so nah als möglich an der Realität zu bleiben und insbesondere Details wie Einwohnerzahlen von Kleinstädten exakt zu recherchieren (lassen).

Mir persönlich hat der Roman ausnehmend gut gefallen. Das liegt natürlich daran, daß er für Leute meines Jahrgangs geschrieben wurde, aber auch daran, daß viel von den Helden meiner Jugend dort nachklingen. Und ein weiterer Grund ist auch die Exaktheit der Beschreibung der Aspekte der Götter, die in den melting Pot USA durch die verschiedenen Einwanderungswellen entstanden sind. Ja, "Aspekte der Götter", dies wird auf den letzten Seiten des Romans sehr schön deutlich, in denen Shadow, der Archetyp des Amerikaners, Odin in Island begegnet. Neil Gaiman macht hier auch noch einmal deutlich, daß seine Beschreibung der American Gods angepasste Darstellungen der klassischen (und historischen) Götter- und Heldensagen auf amerikanische Verhältnisse sind. Da ich in meiner Jugend neben den Sagen des klassischen Altertums von Gustav Schwab ebenfalls die germanischen Götter- und Heldensagen in einer Jugendbuch-Edition aus unserer Bibliothek verschlungen habe und seitdem immer mal wieder etwas tiefer in dieses Thema eingestiegen bin (irgendwo in meiner Sammlung steht auch die Edda rum), kann ich diese Anpassung von Odin und Loki nur bestätigen, sie ist wirklich gelungen. Aber auch die anderen Götter (Bastet !) sind wunderschön auf amerikanische Verhältnisse modelliert, es war einfach ein Genuß, dies zu lesen.

Wobei die Story an sich etwas Klassisches an sich hat. Im Gegensatz zu zeitgenössischen Autoren zeigt Gaiman eben nicht jedes Gore-Detail in expliziter Ausformung, sondern bleibt wie die Autoren des Golden Age hier zivil und stellt diese Details eher allegorisch dar. Auch dies hat mir als SF-Dinosaurier sehr gut gefallen, es ist eher mein Stil als viele modernere Romane. Und dass Neil Gaiman für den mündigen Leser schreibt, für den, dem man nicht jedes kleine Bißchen deutlich und explizit erklären muß. Das ist ja heutzutage nicht mehr so unbedingt die Regel, hier im Roman sind dagegen viele Miniaturen versteckt, die sicherst beim zweiten oder dritten Lesen eröffnen.

Apropos "eröffnen" : Eichborn hat hier eine sehr schöne Ausgabe vorgelegt. Es ist eine Neuübersetzung (Klasse übrigens, Hannes !) des Director's Cut, der Ausgabe, die Neil Gaiman aus seinen Notizen wiederhergestellt und zum 15jährigen Jubiläum neu veröffentlicht hat. Schönes Schriftbild, vernünftiges Papier und endlich mal kein 99-Cent-Preis. "Gerne wieder", wie man auf eBay so treffend sagt.

Insgesamt ein rundes Werk, das meinen Einstieg in Neil Gaimans Oeuvre darstellt. Denn so gut, wie sich "American Gods" las, wird es sicher nicht mein letzter Gaiman sein.

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