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Sonntag, 28. September 2014

TERRA SF 449 - Hans Kneifel : Das unsichtbare Netz


Hans Kneifel : Das unsichtbare Netz
Kampf in der Galaxis 01
Terra SF 449, 11.03.1966
Originalausgabe
Titelbild : Karl Stephan


Die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Männern, die diese enge Beziehung viele Jahre lang, bis zum Tod, aufrecht erhalten. Beide Männer waren gleichaltrig; im selben Monat desselben Jahres geboren. Als das unsichtbare und unzerreißbare Netz sich um sie und eine Handvoll anderer Menschen zu legen begann, waren sie siebenundzwanzig Jahre alt. Sie hießen Grumman und Blackborn.
Die seltenen Kontakte der Beiden mit der sie umgebenden hektischen Zivilisation des ausgehenden dreiundzwanzigsten Jahrhunderts glichen sich in Kürze und Oberflächlichkeit. Beide leiteten ein geheimes Projekt, das von der Staatengemeinschaft finanziert wurde. Man nannte das Projekt ‘Last Orbit’.

Blackborn und Grumman waren Fanatiker der Sterne; ihr Ziel war, Leben in der Weite der Galaxis zu finden.
Klappentext des story2go-eBooks

Projekt Last Orbit war in seiner letzten Phase ...

William Nader Blackborn liebte den Regen. Regen bedeutete für ihn einen melancholischen Zustand, während dem das Innere selbst bizarrer Lokale fast gemütlich wirken konnte; nicht aber jetzt und hier. Hier terrorisierten ihn Lärm, Musik und Geruch nach Schweiß, Getränken und ungezählten Zigaretten. Ein blasser, kleiner Bursche in einer gläsernen, schalldichten Kabine hantierte mit Laufwerken und einer Verstärkeranlage, die mit elfhundertsechzig Watt gefahren wurde und deren Bässe die Mauern erschütterten.

Es herrschte eine rhythmische Kakophonie, die ihresgleichen suchte. Das Lokal hieß Broken Toy. Die Gäste sahen aus, als wären sie große Kinder, denen man das Spielzeug zerbrochen und weggenommen hatte.

»Diese schöne Welt scheint aus müden, alten Männern zu bestehen und aus einem Rest, der irrenhausreif ist!«, brüllte William. Eine blendend aussehende Frau im gewagten, ärmellosen Kleid, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, mit kalten Augen und überlangen, schwarz lackierten Fingernägeln, rückte ihren Barhocker von Blackborn weg.

»Und aus sehr lauter Musik«, ergänzte Grumman. »Es ist das Jahrhundert elektronischer Verstärker und der reproduzierten Fruchtbarkeitstänze stellarer Völker – nur dort werden sie seit einer Generation nicht mehr gebraucht.«

Mit dem Gesichtsausdruck von Menschen, die einen Ästheten an vollkommene Dekadenz und einen Mediziner an Speed- oder Crack-Missbrauch denken ließen, bewegten sich geschätzt rund 200 meist junge Personen im Disco-Licht auf dem Viereck, das hier allgemein als Tanzfläche bezeichnet wurde.

»Schön – nicht wahr?«, schrie Blackborn und hielt dem cyborg-aufgerüsteten Barmädchen sein Glas hin; er bekam es innerhalb von drei Sekunden gefüllt zurück. Die beiden Wissenschaftler besuchten solche Lokale, um einmal etwas anderes zu sehen als uniforme Gesichter und uniforme Kleidung – und um den sterilen Jargon zu vergessen, der im Camp herrschte. Hier aber wurden sie scheinbar mit einer anderen Uniformität bekannt, derjenigen des kulturellen Zerfalls der nordamerikanischen Gesellschaft.

»Schlimmer als unser Kontrollzentrum während einer Generalprobe«, gab Grumman schreiend zurück. Hart an der Schmerzgrenze, mit dem Triebwerkslärm eines abhebenden Orbitshuttles, donnerten die Klänge durch den Raum und ließen die Ränder der Gläser gegeneinander klirren. Nachdenklich betrachteten Grumman und Blackborn diesen Alptraum aus Schall, Fleisch und Rauch.

»Noch zwei Monate, Bill, und wir können dies hier alles als Erinnerung bezeichnen. Wie gefällt dir der Gedanke?«

Blackborn antwortete, die Pause zwischen zwei Fortissimopassagen abwartend:

»Nicht schlecht. Dafür werden wir Dinge erleben – wenn alles klappen sollte –, die noch kein Mensch vor uns erlebt haben dürfte, nicht einmal diese unglücklichen Karikaturen des Homo sapiens hier.«

Das Barmädchen nutzte einige Sekunden der Untätigkeit aus, um William Nader Blackborn zu mustern. Was sie sah, war nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich war, was jeder fühlen konnte. Unter dem kurzen Haar stand ein entschlossenes Gesicht mit einigen harten Kerben, mit weit auseinander stehenden blauen Augen, die jetzt dunkel waren – Augen mit einem eigentümlichen Ausdruck, der ihr gut bekannt war; Augen eines Mannes, der die Schule des Lebens an ihrer härtesten Grenze durchlaufen hatte. Knappe, präzise Bewegungen, die kontrolliert und schnell verliefen, vervollständigten das Bild einer bemerkenswerten Persönlichkeit.
aus der Leseprobe bei beam

Ein weiterer Zyklus von Hans Kneifel - ich war gespannt. Und wurde nicht enttäuscht. Der erste hier vorliegende Roman ist nur gut, er führt die Charaktere ein und baut die Szenerie auf. "Last Orbit" ist das erste überlichtschnelle Raumschiff der Erde, gebaut von der UNO, finanziert von der UNO und einigen Mitgliedsstaaten. Auf Tau Ceti entdeckt die Mannschaft ein zwanzigtausend Jahre altes Alien-Schiff und sie stellen fest, daß die Terraner von zwei Rassen abstammen, die sich vor zwanzigtausend Jahren bekriegt haben.

Ein sehr schöner Roman, der in den ersten zwei Dritteln den SoW ganz massiv vor sich herträgt. Im letzten Drittel wird Kneifel politisch und zeigt, welche Winkelzüge nötig sind, um Gelder für den Bau weiterer Raumschiffe zu organisieren. Nicht wirklich realistisch, Kneifel war auch hier noch starker Idealist, aber auch nicht blauäugig und wesentlich weniger realitätsfern als viele andere Autoren. Sollte man gelesen haben.

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