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Dienstag, 10. September 2013

Alastair Reynolds : Unendlichkeit (Revelation Space)



Alastair Reynolds : Unendlichkeit (Revelation Space)
Heyne 2006
Aus dem Englischen von Irene Holicki
768 Seiten, 9,95 €
ISBN: 978-3-453-52186-5


Auf einem Bergarbeiterplaneten mit lebensfeindlicher Umwelt werden bei archäologischen Forschungen Artefakte einer untergegangenen Kultur entdeckt. Schon bald zeigt sich, dass die Erschaffer der Artefakte damit eine Katastrophe heraufbeschworen hatten, die sie selbst vernichtet hat. Und die Entdeckung birgt ungeahnte Gefahren für die gesamte Menschheit, denn die Relikte der verschwundenen Zivilisation führen an die Grenzen von Raum und Zeit – und darüber hinaus.

Mit der Geschichte von Dan Sylveste, dem Planeten Resurgam und der "Sehnsucht nach Unendlichkeit" hat Reynolds hier einen wirklich faszinierenden Roman vorgelegt. Der Klappentext verspricht nicht zuviel und Reynolds hält dies ein, ohne in den klassischen Kitsch früherer Jahrzehnte zu verfallen. Tatsächlich würde ich diesen und den Folgeroman als Mischung aus den klassischen SF-Epen der 50er und 60er Jahre und "Alien" klassifizieren.

Im Gegensatz zu vielen anderen Romanen ist Reynolds Universum nicht sauber. Im Gegenteil, ich hatte regelmäßig Assoziationen zu Giger-Illustrationen und (beispielsweise) den "Alien"-Filmen. Also nix Sauberes wie "Babylon5", eher erwartet man "Snake" Plisskin um die Ecke biegend.

Dabei wird Reynolds echt episch und geht mit seiner Geschichte bis kurz nach dem Urknall zurück. Ohne kitschig zu werden, wie ich nochmals betonen möchte. Die weitgespannte Timeline wird nur annähernd durch die menschliche Expansion ins Universum deutlich :

Timeline lt. Alastair Reynolds
2050 – 2080: period of great expansion into the solar system. By 2069 twelve million people live off Earth; mainly around Earth and the Moon. Smaller settlements dotted around whole system, out to fringes of Kuiper Belt. Political fragmentation and social unrest follows massive breakthroughs in bio-sciences.

2081: increasingly violent police actions against rogue states lead to retaliatory actions; onset of war. Emergence of “chimeric” factions: heavily bio-engineered and cyborgized human splinter groups.

2083: ceasefire. Departure of flotilla of colony ships for 61 Cygni-A. At 1/8th of the speed of light, they will not arrive until the twenty-third century.

2090 – 2110: establishment of early colonies on a number of extrasolar planets via Von Neumann robots carrying fertilised human cells. Most such societies fail within two or three generations. End of so-called Amerikano era.

2110-2140: period of turmoil; solar system convulsed by more wars. Emergence of Demarchist states in 2141 signals new era of peace and prosperity. Solar luminosity begins to drop, heralding a new ice age on Earth.

2145 – Nevil Clavain born on Earth.

2155 – first Demarchist settlements around Jupiter. Great freeze sets in on Earth.

2178 - Great Wall of Mars project begins. Unease at extreme neural experiments being conducted under Demarchist aegis leads to formation of the Earth-based Coalition for Neural Purity; a military pact of conservative states opposed to further technological or social innovation.

2182 - first phase of GWOM completed. Demarchists distance themselves from the more radical factions.

2190 - Experimenters on Mars initiate Transenlightenment. Birth of Conjoiner faction and immediate onset of Coalition-Conjoiner war.

2191 - ceasefire in Conjoiner-Coalition war brokered by Sandra Voi.

2191 – 2205; Conjoiner quarantine period.

2205 - Galiana’s Conjoiners escape from Mars. First relativistic starship constructed and launched from Mars orbit.

2205 – 2250; period of great expansion; numerous interstellar colonies established; recontact with surviving settlements from Amerikano era.

2217 – Conjoiner expedition to Diadem. Discovery of Setterholm’s Worms.

2340 - Denizen uprising; fall of the Europan cities.

2338 – Bernsdottir discovers first Shroud.

2351 – Dan Sylveste born in Chasm City, Yellowstone.

2358 – Shiva-Parvati cordon crisis.

2372 – the Eighty.

2373 – Philip Lascaille’s encounter with the Shroud in the Trans Tau Ceti sector.

2405 – Departure of Sylveste expedition to Lascaille’s Shroud.

2415 – Departure of Galiana and Clavain’s expedition into deep space.

2441 – Return of Sylveste’s expedition to Lascaille’s Shroud.

2491 – departure of Resurgam expedition.

2510 - Melding Plague afflicts Chasm City; effective end of Demarchist era.

2517 – Tanner Mirabel arrives in Chasm City.

2524 – Ana Khouri arrives in Chasm City.

2541 – arrival of “Voice of Evening” around Turquoise.

2551 – outbreak of Conjoiner-Demarchist war around Yellowstone. Establishment of Ferrisville Convention.

2566 – abduction of Sylveste from Resurgam.

2567 – expedition into Cerberus/Hades artefact; death of Dan Sylveste.

2615 – Clavain defects from the Conjoiners. Exploitation of grub technology, including inertia suppression machinery.

2633 – Confrontation between Clavain and Volyova around Delta Pavonis

2650 – 2850 – events of the human-Inhibitor war

2950 – Emergence of the Green Wave. Systematic dismantling of many solar systems.

40000 – humans abandon host galaxy.
Die vollständige Timeline lt. Reynolds findet man hier.

Mir gefielen hier zwei Sachen ganz besonders. Einerseits die Figurenzeichnung, die ich schlicht und einfach als faszinierend bezeichnen möchte. Jede der gar nicht einmal so wenigen Hauptfiguren (und diverse Nebenfiguren) bekommen ein scharfes Profil, eine Tiefe, die selten bei einer derartigen Space Opera (denn das ist "Unendlichkeit" ohne Zweifel) vorkommt.

Das zweite, das mir ganz besonders gefällt, ist die wirklich brilliante Übersetzung. Irene Holicki hat hier ein echtes Kunstwerk hingelegt. Das fällt gar nicht so auf, wenn man nur den deutschen Text kennt. Bei meiner Recherche im Internet bin ich dann auf die englischen Originalbegriffe gestoßen. Mir kommen diese viel zu hart vor, aber das dürfte daran liegen, daß Englisch für mich eine Fremdsprache ist. Im Deutschen habe ich mich schon bevor ich die Originalausdrücke kannte über das zarte, fast schon ätherische Sprachbild, das ganz im Gegensatz zu der harten Story steht, aber 250 %ig dort hineinpasst, gewundert. "Conjoiners" wird als "Synthetiker" übersetzt, "Shrouders" als "Schleierweber" – einfach nur genial und voll im deutschen Sprachraum, Anglizismen, die die Stimmung stören würden, werden vollständig vermieden.

Liest man diesen Roman zuerst und den Folgeroman "Die Arche" nicht gleich im Anschluß, kommt es einem leicht vor, daß man sich wundert, warum Reynolds an einigen, scheinbar irrelevanten Stellen so ausführlich ist. Das Buch scheint dadurch etwas langatmig – doch diese Informationen braucht man, wenn Reynolds im Folgeband noch einen drauflegt. Auch empfand ich die Lektüre von "Chasm City" als ersten Band der RS-Reihe sehr hilfreich, vieles, was dort erzählt wurde, fand ich hier in Andeutungen wieder. Ein weiterer Grund für Reynolds-Neulinge, meine Lesereihenfolge nachzuvollziehen.

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